Slawische Tänze
Einige Freunde pflegten sich nachmittags in einem Café zu treffen, und zu einer dieser Zusammenkünfte brachte Dvořák 1878 einen Briefumschlag mit.
Einer der Freunde, Josef Zubatý, später ein bedeutender Sprachwissenschaftler, schrieb in seinen Erinnerungen, er werde nicht leicht vergessen, mit welchem Triumph Dvořák zu der üblichen Nachmittagsrunde im Café einen Umschlag mitbrachte. Darin lag das Honorar für die erste Reihe der Slawischen Tänze, das erste – oder jedenfalls das erste anständige – Honorar, das er für ein veröffentlichtes Werk erhalten hatte; Zubatý erinnerte sich an zweihundert oder zweihundertfünfzig Mark.
Die Ausgabe, in der diese Erinnerung gedruckt ist, nennt in einer Anmerkung daneben dreihundert Mark, die Simrock für acht Tänze für Klavier zu vier Händen gezahlt habe.
Nach Zubatýs Darstellung hatte Dvořák die schlimmste Not inzwischen hinter sich, war von einem behaglichen Leben jedoch noch weit entfernt. Das staatliche Stipendium aus Wien bildete sein Haupteinkommen, das Honorar einer besser bezahlten Unterrichtsstunde ergänzte es, und endlich konnte er sich zu Hause ein Klavier leisten – kein eigenes, sondern ein gemietetes.
Anfang 1878 brachte Simrocks Verlag die Klänge aus Mähren heraus, das erste Werk Dvořáks, das unter diesem Verlagsnamen erschien. In den ersten Januartagen war Dvořák nach Wien gefahren, um Brahms persönlich zu danken, musste dort jedoch feststellen, dass dieser zu einer Konzertreise durch Deutschland und Holland aufgebrochen war. Stattdessen besuchte er Hanslick und ließ auf dessen Wunsch mehrere seiner Kompositionen bei Brahms’ Haushälterin zurück.
Brahms antwortete im März. Es tat ihm leid, Dvořák verpasst zu haben; er nahm die Widmung eines Streichquartetts an und schrieb, das Durchsehen der eingesandten Sachen habe ihm das größte Vergnügen bereitet. Dann kam eine knappe Mahnung: „Sie schreiben einigermaßen flüchtig.“ Wenn Dvořák die vielen ausgelassenen Kreuze, Be und Auflösungszeichen nachtrage, meinte Brahms, könne er sich vielleicht zugleich die Noten selbst, die Stimmführung und so weiter, noch etwas genauer ansehen.
Am 5. April schrieb Brahms erneut an Simrock, kurz vor seiner Abreise aus Wien nach Italien mit zwei Freunden. Ohne Dvořák, erklärte er, hätte er überhaupt nicht geschrieben. Was Simrock mit diesem Mann noch weiter wagen wolle, wisse er nicht. Von Geschäften verstehe Brahms selbst nichts und Empfehlungen gebe er nicht gern, weil er nur seinen eigenen Augen und Ohren trauen könne; wolle Simrock die Sache jedoch fortsetzen, solle er sich Dvořáks zwei Streichquartette schicken und vorspielen lassen. Brahms bezeichnete sich dabei selbst als unverbesserlichen Philister, der zum Vergnügen sogar seine eigenen Werke verlegen würde.
Simrock wollte Tänze. Dvořák schrieb zwischen März und dem 7. Mai 1878 acht davon für zwei Spieler an einem Klavier und fertigte noch im selben Jahr eine Orchesterfassung an: Tänze in den Rhythmen tschechischer und anderer slawischer Tanzformen. Die Folge beginnt mit einem Furiant, einem schnellen böhmischen Tanz im Dreiertakt, dessen kräftige Akzente sich in Zweiergruppen quer über den Takt legen, sodass die Melodie gleichsam gegen ihren eigenen Puls stampft.
Am 6. Juni 1878 wurde Otilie geboren. Ende Juli bewarb sich Dvořák zum fünften Mal in Wien um das staatliche Stipendium.
Was die Tänze verkaufte, war eine Zeitungsbesprechung von einem Mann, der den Komponisten nie getroffen hatte. Louis Ehlert, ein Berliner Kritiker, der in Wiesbaden lebte, besprach die Slawischen Tänze und die Klänge aus Mähren noch im selben Jahr gemeinsam in der Berliner Nationalzeitung. Er sei sehr schlechter Laune gewesen, begann er, begraben unter einem Haufen neuer Musik, als zwei Werke eines ihm unbekannten Komponisten seine ganze Aufmerksamkeit auf sich gezogen hätten. Er schrieb nieder, was er über den Mann hatte herausfinden können: ein Tscheche, in Prag lebend, bis vor wenigen Jahren Bratschist an der dortigen Oper, mit sehr wenig Gedrucktem, aber angeblich einer beträchtlichen Zahl fertiger Quartette und Sinfonien. Mehr, erklärte Ehlert, habe er über ihn nicht in Erfahrung bringen können.
Die Slawischen Tänze, urteilte Ehlert, würden ihren Siegeszug durch die Welt ebenso antreten wie Brahms’ Ungarische Tänze. Wie viel von ihrem Material tatsächlich aus böhmischer Volksmusik stamme, wisse er nicht, und es sei auch gleichgültig; die Stücke ließen sich in ihrer vorhandenen Gestalt unmittelbar orchestrieren, und der Humor nehme in ihnen einen wichtigen Platz ein. Dvořák schreibe so heitere Bässe, meinte Ehlert, dass jedem wirklichen Musiker das Herz im Leibe lachen müsse.
Am 17. November 1878 gab Dvořák im Prager Sofien-Palast sein erstes eigenes Konzert. Zehn Tage später antwortete Ehlert aus Wiesbaden auf einen Brief Dvořáks. Seine Kritik habe in Berlin einen regelrechten Ansturm auf die Musikalienhandlungen ausgelöst und Dvořák, ohne Übertreibung, über Nacht einen Namen gemacht. Am Ende bat er ihn, ihm ein Bild von sich zu schicken, falls er eines besitze. Aus Dankbarkeit widmete Dvořák ihm die Bläserserenade, die er im Januar jenes Jahres geschrieben hatte.
Auch Prag wurde aufmerksam. František Bayer, später Zoologe, war dabei, als Smetana, während des Erscheinens der Tänze in Berlin bei einem Freund in Prag zu Gast, bemerkte, die jungen Komponisten könnten dem alten Smetana wenigstens ihre gedruckten Werke zeigen. Der Freund sorgte dafür, und am folgenden Tag sah Smetana die Partitur durch, lobte sie vorbehaltlos und sagte, Dvořák behandle seine Themen auf wahrhaft Beethoven’sche Weise.
Im Dezember fuhr Dvořák nach Wien, um Brahms zu sehen. Am 4. Januar 1879 kam Brahms nach Prag und besuchte die Dvořáks. Was die beiden miteinander besprachen, ist nicht festgehalten; nur in einem Brief, den Dvořák später in jenem Jahr an Brahms schrieb, findet sich ein Nachhall. Bei seinem letzten Aufenthalt in Prag, erinnerte Dvořák ihn, sei Brahms so freundlich gewesen, ihn auf verschiedene Dinge in seinen Werken aufmerksam zu machen; seither habe er viele falsche Noten gefunden und berichtigt.
Die Tänze reisten vor ihm ins Ausland. Am 15. Februar 1879 wurde eine Auswahl in London gespielt, und im März erhielt Dvořák zum fünften Mal das Wiener Stipendium, vierhundert Gulden. Im Sommer besuchte er zum ersten Mal Berlin und schrieb seinem Freund Alois Göbl, Sekretär auf dem Gut des Fürsten Rohan in Sichrow, er sei am Dienstag in Berlin angekommen und unmittelbar zu Simrock gegangen, der ihn bereits erwartet habe. Der Geiger Joseph Joachim, Direktor der Königlichen Hochschule für Musik, veranstaltete um sieben Uhr eine Soirée für ihn, bei der sein neues Streichquartett und sein Sextett gespielt wurden. Dvořák arbeitete in jenem Jahr an einem Violinkonzert für Joachim, und im Dezember bedankte sich Joachim für das Paket mit der Partitur.
Im September wurde die dritte seiner Slawischen Rhapsodien in Berlin gespielt. Brahms schrieb in jenem Monat aus Wien, die Proben von Dvořáks neuen Werken hätten ihm die Sympathie der dortigen Musiker in ganz ungewöhnlichem Maße gewonnen.
Im November spielten die Wiener Philharmoniker die Rhapsodie unter Hans Richter, dem Dirigenten der Hofoper, und Dvořák fuhr nach Wien, um sie zu hören. Von den sechzig neuen Stücken, die das Orchester nach Richters Angaben ausprobiert hatte, erzählte er Göbl, sei seines den Musikern am liebsten gewesen. Beim Konzert am 16. November habe man ihn gezwungen, sich dem Publikum zu zeigen: Er habe neben Brahms bei der Orgel im Orchester gesessen, und Richter habe ihn hervorgezogen. Richter umarmte ihn auf der Stelle und gab am folgenden Tag ein Essen für ihn in seinem Haus, zu dem sämtliche tschechischen Musiker des Orchesters eingeladen waren. Die Philharmoniker wollten für die nächste Spielzeit eine Sinfonie von ihm. Dvořák versprach eine.
Am 13. Januar 1880 wurde eine Tochter geboren und erhielt den Namen ihrer Mutter, Anna.
Zwischen dem 18. Januar und dem 23. Februar schrieb Dvořák sieben Zigeunermelodien nach Gedichten eines tschechischen Dichters und widmete sie dem Wiener Tenor Gustav Walter. Simrock veröffentlichte sie noch im selben Jahr ausschließlich mit deutschem Text. Im Herbst bat Dvořák um eine tschechische Ausgabe, weil die Lieder in Böhmen mit tschechischen Worten verlangt würden. Er sah es als eine Rücksicht an, die er seinen Landsleuten schuldete, ihnen das Singen seiner Lieder in tschechischer Sprache zu ermöglichen. Simrock stimmte zu, und im Februar 1881 erschienen die Lieder mit tschechischem Text und einer englischen Übersetzung.
Als die alte Mutter ist das vierte dieser Zigeunermelodien von 1880, auf Tschechisch Když mne stará matka. Die Worte und die Mutter darin stammen von Adolf Heyduk: Im Gedicht erinnert sich ein Zigeuner an die Lieder, die seine alte Mutter ihn lehrte, und daran, dass er sie nun seinerseits weitergibt.
Im Frühjahr war Dvořák wieder in Berlin. Am 1. April schrieb er Göbl, er habe am Vortag mit Joachim seine neue Violinsonate gespielt, über die dieser sehr erfreut gewesen sei; an diesem Tag sollte das Quartett gespielt werden und danach das Konzert. Am nächsten Tag, schrieb Dvořák, würden sie das Konzert einmal richtig gründlich durchgehen.
Im August fuhr er nach Wiesbaden, um Ehlert endlich kennenzulernen. Ehlert war nicht zu Hause. Wegen der Gesundheit seiner Frau verbrachte er den Sommer in Falkenstein, sodass Dvořák und ein in Prag ausgebildeter Geiger, der das Wiesbadener Theaterorchester leitete, mit einer Kutsche zu ihm hinausfahren mussten; für Donnerstag wurden sie zum Essen eingeladen. Dvořák schrieb Göbl all dies morgens um sieben und setzte darunter, im Augenblick fahre er den Rhein hinunter nach Köln.
Im Herbst war die Sinfonie, die er Wien versprochen hatte, fertig. Dvořák schrieb Simrock, er habe sich alle Mühe gegeben, ein lebendiges Werk hervorzubringen, das auch ihm selbst Freude mache. Im November nahm er die Partitur mit nach Wien und spielte sie Richter am Klavier vor. Richter, berichtete er Göbl, gefalle die Sinfonie außerordentlich, und nach jedem Satz habe er ihn umarmt. Die Uraufführung wurde für den 26. Dezember angesetzt.
Das Stabat Mater wurde am 23. Dezember 1880 zum ersten Mal aufgeführt, in Prag durch Orchester und Chor des Interimstheaters unter Adolf Čech, drei Jahre nachdem Dvořák die Partitur vollendet hatte. Simrock veröffentlichte das Werk im folgenden Jahr.
Im Dezember schrieb Richter erneut: Sein Orchester sei so überlastet, dass die Sinfonie bis Anfang März warten müsse. Dvořák antwortete am Neujahrstag 1881, er hätte zu Weihnachten ohnehin kaum nach Wien kommen können, einer Zeit, die jeder Familienvater gern im Kreise seiner Lieben verbringe; außerdem habe ihn das Stabat Mater in Anspruch genommen, weil er bei den Proben hatte anwesend sein müssen.
Die Sinfonie, seine Sechste, wurde am 25. März 1881 in Prag uraufgeführt.
Am 12. August 1881 brannte das Prager Nationaltheater. Fünf Tage nach dem Brand wurde Magdalena geboren.
Die Wiener Philharmoniker, deren Musiker selbst über ihre Programme entschieden, nahmen die Sinfonie nicht in ihr Programm auf. Sie hatten in der vorhergehenden Spielzeit Dvořáks Rhapsodie gespielt und wollten nicht zwei Spielzeiten hintereinander ein Werk eines neuen tschechischen Komponisten bringen. So war es London, wo Richter die Sinfonie am 15. Mai 1882 dirigierte.
Das Violinkonzert war noch immer nicht fertig. Im September 1882 schrieb Dvořák an Simrock, den er inzwischen mit „Lieber Fritz“ anredete, er sei in Berlin gewesen und habe das Werk zweimal mit Joachim durchgespielt, der die Änderungen in der Solostimme selbst vorgenommen habe; Dvořák sei sehr froh, dass es nun endlich fertig werde. Die überarbeitete Fassung, schrieb er, habe ganze zwei Jahre bei Joachim gelegen. Für November war eine Orchesterprobe an der Hochschule vorgesehen.
Am 8. Oktober 1882 wurde in Prag seine neue Oper Dimitrij uraufgeführt. Später im selben Monat, als die Dresdner Hofoper Der Bauer ein Schelm spielte, war Dvořák dort. An Allerheiligen schrieb er seinen Eltern in Kladno. Er legte Geld für ihre Miete bei, weitere fünfzehn Gulden als Zuschuss und fünf für Nebenausgaben, und berichtete, die Oper habe gefallen. Auch die Königin von Sachsen sei im Theater gewesen, was zweifellos eine große Ehre sei. Im November war er für die Probe des Violinkonzerts bei Joachim in Berlin.
Mitte Dezember 1882 starb seine Mutter Anna Dvořáková in Kladno. Sie war zweiundsechzig Jahre alt. Am 17. Dezember fuhr er zu ihrer Beerdigung.
Am 7. März 1883 brachte Anna einen Sohn zur Welt, Antonín.
Noch im selben Monat wurde das Stabat Mater in London unter dem englischen Dirigenten Joseph Barnby gesungen. Die Aufführung verlief so erfolgreich, dass für das folgende Jahr eine Wiederholung geplant wurde und der Komponist die Einladung erhielt, selbst zu kommen und zu dirigieren.
Er war einundvierzig Jahre alt und noch nie in England gewesen.
