Rusalka
Auf der Orgelempore der Kirche von Třebsko, einem Dorf nicht weit von Vysoká, wurde an Dvořáks dreiundfünfzigstem Geburtstag ein neues Instrument geweiht. Er hatte es bezahlt, als Dankesgabe für seine und seiner Familie sichere Heimkehr nach Böhmen.
Anfang August hatte er in Vysoká eine Reihe von Klavierstücken skizziert, denen er zunächst den Titel Neue schottische Tänze gab. Dann verwarf er den Namen und nannte sie Humoresken. Es waren acht Stücke, und die meisten beruhten auf Einfällen, die er in seinen amerikanischen Skizzenbüchern notiert hatte.
Auf der anderen Seite des Atlantiks hatte The Century Illustrated Monthly Magazine im Juli unter seinem Namen einen gemeinsam mit dem Kritiker Henry T. Finck zusammengestellten Aufsatz über Schubert veröffentlicht. Er zählte die elfhundert Kompositionen aus achtzehn Arbeitsjahren auf, erwähnte die Armut und kam bei den Liedern zu einem eindeutigen Urteil: Im Lied, hieß es dort, sei Schubert nicht nur zeitlich der Erste gewesen; niemand habe ihn je übertroffen.
Am 13. Oktober hörte Prag die Sinfonie Aus der Neuen Welt zum ersten Mal, im Nationaltheater unter Dvořáks Leitung. Drei Tage später reiste er erneut nach New York, diesmal nur mit seiner Frau und dem jüngeren Sohn Otakar.
Am 1. November war er wieder am Konservatorium, und am 8. begann er ein Konzert für Violoncello und Orchester. Die Arbeit musste zwischen die Unterrichtsstunden passen. Mitte Januar beschrieb er einem befreundeten Komponisten in Prag seine Woche: montags Schule, dienstags frei, die übrigen Tage mehr oder weniger belegt; und wenn er Zeit hatte, fehlte ihm nicht selten die rechte Stimmung zum Arbeiten. Nun sei er dabei, das Finale des Cellokonzerts zu vollenden, schrieb er. Könnte er so frei von Sorgen arbeiten wie in Vysoká, wäre es längst fertig.
Am 9. Februar 1895 vollendete er das Werk.
Im Mittelteil des langsamen Satzes verwendete er die Melodie eines eigenen Liedes, Lasst mich allein, aus einer Gruppe von vier Liedern. Nach Angaben der tschechischen Dvořák-Gesellschaft soll es Josefínas Lieblingslied gewesen sein.
Mitte April verließ er New York mit dem Schiff. Am 27. war er wieder in Böhmen.
Am 27. Mai 1895 starb Josefína Kounic, Annas Schwester. Zwei Tage später nahm Dvořák an ihrer Beerdigung teil.
Im Mai und Juni, nach ihrem Tod, nahm er das Konzert noch einmal vor und schrieb dessen Schluss um. Nahe dem Ende des letzten Satzes entfernte er vier Takte und setzte an ihre Stelle sechzig neue, unmittelbar vor den acht Takten, die das Werk beschließen. In dieser neuen Passage, in der plötzlichen Ruhe vor dem Ende, kehrt die Melodie des Liedes zurück, gespielt von einer Solovioline im Orchester.
In diesem Sommer beschlossen er und Anna zu Hause, nicht mehr nach New York zurückzukehren. Im letzten Jahr dort hatten beide unter Heimweh gelitten, Anna noch stärker als er.
Am 3. Oktober schrieb Dvořák Simrock wegen der Drucklegung. Wihan, dem das Konzert gewidmet ist, hatte Änderungen an mehreren Stellen gewünscht und für den letzten Satz eine Kadenz geschrieben. Dvořák stellte seine Bedingungen klar. „Ich muß darauf bestehen, daß mein Werk so gedruckt wird, wie ich es geschrieben habe.“ Schwierige Stellen konnten zusätzlich in einer leichteren Fassung gedruckt werden, aber niemand durfte ohne sein Wissen und seine Erlaubnis etwas verändern, auch sein verehrter Freund Wihan nicht; und eine Kadenz sollte es nicht geben, weil in der Partitur keine stand und Dvořák Wihan von Anfang an gesagt hatte, dass sich so etwas dort nicht anfügen lasse.
Über den Schluss schrieb er: „Überhaupt es muss in der Gestalt sein, wie ich es gefühlt und gedacht habe… Das Finale schließt allmählich diminuendo – wie ein Hauch – Reminiszenzen an den ersten und zweiten Satz – das Solo klingt aus bis zum pp – dann ein Anschwellen – und die letzten Takte übernimmt das Orchester und schließt in stürmischem Tone. Das war so meine Idee und von der kann ich nicht ablassen.“
Wenn Simrock all dem zustimmte und die Titel zusätzlich auf Tschechisch druckte, konnte er das Konzert und das Te Deum zusammen für sechstausend Mark haben.
Am 1. November 1895 nahm Dvořák seine Tätigkeit am Prager Konservatorium wieder auf. Noch in diesem Monat schrieb er ein neues Streichquartett; im Dezember vollendete er ein weiteres, das er in New York begonnen hatte. Zwei Tage vor Weihnachten schrieb er einem Freund, Gott sei Dank gehe es ihnen allen gut, und nach drei Jahren könnten sie endlich wieder ein frohes Weihnachtsfest in Böhmen verbringen. Die Arbeit gehe ihm so leicht von der Hand, dass er es sich nicht besser wünschen könne. Eine Woche zuvor waren er und Anna in Wien gewesen. Brahms habe sich außerordentlich gefreut, schrieb Dvořák; sie seien fast die ganze Zeit zusammen gewesen.
Am 4. Januar 1896 dirigierte er das erste Konzert eines neuen Prager Orchesters, der Tschechischen Philharmonie. Auf dem Programm stand die Sinfonie Aus der Neuen Welt. Im März reiste Dvořák zum neunten Mal nach England. Am 19. März wurde das Cellokonzert bei einem Konzert seiner Werke für die Philharmonic Society in London uraufgeführt, mit dem englischen Cellisten Leo Stern als Solisten und Dvořák am Pult. Am selben Abend dirigierte er auch seine Achte Sinfonie.
Stern war zuvor aus Leipzig nach Prag gekommen und hatte dort mehr als zwei Wochen lang für viel Geld im Hotel gewohnt. Jeden Tag hatten die beiden am Konzert gearbeitet, wie Dvořák einem Freund in einem Brief erzählte, den er am Tag schrieb, bevor Stern das Werk am 11. April in Prag erneut spielte. Er habe Stern mehr als genug geplagt. Immer wieder habe er ihm gesagt, es sei gut, müsse aber noch besser werden; und als es schließlich besser gewesen sei, habe er ihn mit nach London genommen. Dort sei das Konzert ein großer Erfolg gewesen, und Stern habe zu seiner völligen Zufriedenheit gespielt, auch wenn er sich manches hier und da noch ein wenig anders gewünscht hätte. So kleinlich dürfe man jedoch nicht sein, fügte er hinzu; man müsse froh sein, überhaupt jemanden zu finden, der das Konzert spiele.
Inzwischen vollendete Dvořák das dritte von drei Orchesterwerken nach Balladen von Karel Jaromír Erben: Der Wassermann, Die Mittagshexe und Das goldene Spinnrad. Am 3. Juni 1896 spielte das Orchester des Konservatoriums auf seinen Wunsch hin alle drei bei einem privaten Konzert in Prag durch. Ihre ersten öffentlichen Aufführungen fanden im Herbst in London statt, unter Henry Wood und Hans Richter.
Mitte März 1897 erfuhr Dvořák, dass Brahms schwer krank war, und fuhr nach Wien, um ihn zu besuchen. Danach schrieb er Simrock, die Nachricht habe sich bestätigt. Dennoch, so hoffte er, sei noch nicht alles verloren.
Brahms starb am 3. April. Am 6. April nahm Dvořák an seiner Beerdigung teil.
Im Juni bat ihn das New Yorker Konservatorium, als Direktor zurückzukehren. Er lehnte ab.
Am 17. November 1898 waren Anna und Antonín fünfundzwanzig Jahre verheiratet. Genau an diesem Tag wurde eine zweite Hochzeit gefeiert: Ihre älteste Tochter Otilie heiratete Josef Suk. Dvořák schrieb einem alten Freund und bat ihn, zu beidem zu kommen – und zwar unbedingt. Zwei Wochen später dirigierte Gustav Mahler, Direktor der Wiener Hofoper, in Wien die Uraufführung von Dvořáks sinfonischer Dichtung Heldenlied.
Im November 1899 spielten die Berliner Philharmoniker das Heldenlied, und am folgenden Tag sollte Dvořák es selbst dirigieren. Ihm war jedoch so unwohl, schrieb er Simrock später, dass er Berlin gemeinsam mit seiner Frau verlassen musste, ohne Simrock überhaupt gesehen zu haben.
Am 23. November brachte das Nationaltheater seine Oper Die Teufelskäthe zur Uraufführung. Und schon vor Weihnachten wollte Dvořák die nächste Oper. Die Theaterdirektion ließ in den Zeitungen bekanntgeben, Antonín Dvořák suche ein Libretto.
Jaroslav Kvapil, ein junger Dichter und Dramatiker, der später literarischer Berater und schließlich Direktor des Nationaltheaters wurde, hatte eines. Etwa zehn Jahre nach der Uraufführung beschrieb er in einer Veröffentlichung, wie es dazu gekommen war. Im Herbst 1899, als er das Libretto zu Rusalka schrieb, habe er keine Ahnung gehabt, dass er es für Antonín Dvořák schrieb. Er habe es überhaupt für niemanden Bestimmten verfasst, sagte er, nur mit der heimlichen Hoffnung, Dvořák könne davon erfahren, und ohne den Mut, es ihm selbst zu bringen. Als die Anzeige erschien, ging Kvapil zum Direktor des Theaters. Am folgenden Tag trafen die drei im Büro des Direktors neben der Bühne zusammen. Dvořák hörte sich dessen Urteil über den Text an und nahm das Manuskript mit nach Hause.
Es war ein Märchen von einer Wassernymphe, die sich nach der Liebe eines menschlichen Prinzen sehnt und von dieser Liebe enttäuscht wird. Dvořák begann am 21. April 1900 mit der Komposition. Nach Kvapils Erinnerung nahm er den Text so, wie er geschrieben war, und bat nur um eine einzige Ergänzung: ein Lied für Rusalka im ersten Akt.
In jenem Jahr, erzählte Kvapil, kam Dvořák häufig auf dem Heimweg von seiner morgendlichen Runde zu den Prager Bahnhöfen bei ihm vorbei. Gewöhnlich begann er über alles Mögliche zu sprechen, nur nicht über seine Oper: über die Lokomotiven, die er gerade besichtigt hatte, oder über Tauben. Dann vergaß er, weshalb er eigentlich gekommen war, zündete den Stummel seiner Zigarre an und ging wieder, ohne zur Sache gekommen zu sein.
Auf ein Gespräch war Kvapil weniger vorbereitet. Im dritten Akt verflucht der wahnsinnig gewordene Prinz Himmel und Erde, Gott und alle Geister. Dvořák gefiel das überhaupt nicht. Er sei gläubig, erklärte er Kvapil; er könne in seiner Musik Gott nicht verfluchen. Kvapil musste ihm ausführlich auseinandersetzen, dass das Libretto keineswegs von ihm verlange, den Herrgott zu verfluchen, und dass ein Fluch gegen Götter in einem Märchen nicht dasselbe sei. Dvořák ließ sich überzeugen und vertonte die Worte unverändert.
Am 27. November 1900 vollendete er den dritten Akt.
Rusalka wurde am 31. März 1901 im Prager Nationaltheater uraufgeführt. Karel Kovařovic dirigierte, die Sopranistin Růžena Maturová sang Rusalka. Anderthalb Stunden vor Beginn, erzählte Kvapil, ließ der Tenor Karel Burian, der den Prinzen singen sollte, mitteilen, dass er nicht auftreten werde; an seiner Stelle sang die Zweitbesetzung Bohumil Pták die Partie.
Im ersten Akt, bei Nacht, singt die Wassernymphe über gebrochenen Harfenakkorden zum Mond und bittet ihn, einen Augenblick zu verweilen und ihr zu sagen, wo der Mann sei, den sie liebt. Es ist das Lied an den Mond, und Maturová war die Erste, die es sang. Über die Musik waren sich die Kritiker einig: über ihre langen lyrischen Melodien und Dvořáks Behandlung des Orchesters. Mit Kvapils Libretto gingen sie weniger freundlich um.
Gleich am nächsten Morgen, erzählte Kvapil, erschien Dvořák bestens gelaunt im Theaterbüro. Kaum sah er ihn, verlangte er schon nach einem neuen Libretto – schnell, schnell. Kvapil sagte, er habe keines. Dann müsse er eben rasch eines schreiben, erwiderte Dvořák, solange er noch Lust dazu habe, und mit einer schönen Partie für Maturová.
Kvapil versprach es. Ja, schrieb er später, er habe es versprochen.
Aber er hielt sein Wort nicht.
Am 4. Mai kam ein Brief von Mahler aus Wien. Nachdem er den Klavierauszug durchgesehen habe, den ihm das tschechische Theater freundlicherweise geschickt hatte, schrieb Mahler, würde er sehr gern mit einer Aufführung von Dvořáks Oper Rusalka rechnen; zunächst brauche er jedoch einen deutschen Text. Am 6. September fuhr Dvořák mit der Partitur nach Wien, um die Angelegenheit zu besprechen.
Im Frühjahr war Dvořák gemeinsam mit dem Dichter Jaroslav Vrchlický zum Mitglied des Herrenhauses des österreichischen Reichsrats ernannt worden. Am 14. Mai 1901 wurden die beiden dort vorgestellt. Der Wiener Korrespondent einer Prager Tageszeitung, der später über Dvořáks kurze Laufbahn als Parlamentarier schrieb, berichtete, vor jedem Mitglied habe ein Pult mit Tintenfass, Sandstreuer, Löschpapier, Federn und mehreren guten Bleistiften gestanden. Dvořák sei von den Bleistiften so begeistert gewesen, dass er sie sämtlich einsteckte. Draußen zeigte er sie seiner Frau, die auf ihn gewartet hatte, und freute sich darüber, wie prächtig sich damit nun komponieren lassen werde.
An diesem Tag saß er im Herrenhaus.
Danach nie wieder.
Am 6. Juli wurde er zum Direktor des Prager Konservatoriums gewählt. Im September, zu seinem sechzigsten Geburtstag, fanden in Nelahozeves und Prag Feierlichkeiten statt, und das Nationaltheater begann eine Reihe von neun Abenden mit seinen Werken. Am 19. Dezember bekam Otilie einen Sohn, Josef.
Die neue Oper kam nicht. Anfang 1902 bat ihn ein Freund in Kroměříž in Mähren, dort zu dirigieren. Dvořák antwortete, er könne nichts versprechen. Seit mehr als vierzehn Monaten sei er ohne Arbeit und könne sich zu nichts entschließen; solange er nicht gefunden habe, wonach er suche, müsse alles andere zurückstehen.
Im Februar, als Vrchlický anwesend war, sagte Dvořák, er suche ein gutes Libretto und finde keines. Vrchlický erinnerte ihn daran, dass er ihm vierzehn Jahre zuvor eines angeboten hatte, über die Zauberin Armida und einen Ritter der Kreuzzüge, und Dvořák es damals abgelehnt hatte. Im März begann er, es zu vertonen.
Im Herbst schrieb er einem Freund in Wien, er arbeite an einer großen Oper und sei froh, nach einer so langen Ruhepause endlich wieder an etwas arbeiten zu können, das er selbst wolle und nicht andere. Im selben Brief berichtete er, von Mahler sei ein Vertrag für Rusalka eingetroffen.
Mehr als ein Jahr arbeitete Dvořák an Armida. Im November 1903 begannen die Proben am Nationaltheater. Im Frühjahr 1904 bereitete der Gesangverein Moravan in Kroměříž Die Geisterbraut für zwei Konzerte am 7. und 8. Mai vor, die Dvořák selbst dirigieren sollte.
Am 25. März 1904 wurde Armida uraufgeführt. Während der Vorstellung wurde Dvořák krank und verließ das Theater vor dem Ende. Am folgenden Tag verordnete ihm sein Arzt, zu Hause zu bleiben und sich auszuruhen. Den größten Teil des nächsten Monats verbrachte er im Bett. Die Prager Musikzeitschrift Dalibor, die über seine letzten Tage berichtete, nannte Blasenbeschwerden und Influenza als Erkrankungen.
Am Sonntag, dem 1. Mai, fühlte er sich besser. Nach zehn Tagen, in denen er das Bett nicht verlassen hatte, erlaubte ihm der Arzt, zum Mittagessen aufzustehen. Seine Frau und sein Sohn Otakar halfen ihm beim Ankleiden.
Wenige Minuten später, kurz nach zwölf Uhr mittags, erlitt er einen Herzschlag.
Antonín Dvořák starb in der Wohnung in der Žitná-Straße.
Er war zweiundsechzig Jahre alt.
