Achtes Kapitel

Ein Sommer in Iowa


Am ersten Morgen in Spillville, um fünf Uhr, sah die Frau des Schulmeisters Dvořák vor der Schule auf und ab gehen. In ihrem Haus war sie sonst immer die Erste, die aufstand. Niemand hatte ihr gesagt, dass auch er ein Frühaufsteher war. Ihr Sohn Kovařík erzählte später, sie habe sich erschrocken, geglaubt, mit dem Haus, das man der Familie überlassen hatte, müsse etwas nicht stimmen, und sei hinausgelaufen, um zu fragen, was geschehen sei.

Nichts war geschehen, sagte er ihr, und zugleich sehr viel. Sie solle sich vorstellen: Er sei dort am Bach durch den Wald gegangen und habe nach acht Monaten zum ersten Mal wieder Vögel singen hören. Und die Vögel hier seien anders als die ihren zu Hause, viel farbenprächtiger, und auch ihr Gesang sei anders. Nun gehe er frühstücken und komme danach wieder. Kovařík kannte die Geschichte von seiner Mutter.

Dvořák kam bald zurück, während die Familie Kovařík noch beim Aufstehen war. Er fragte, wann die Messe beginne, denn er würde gern die Orgel spielen. Die Messe war um sieben.

Die St.-Wenzels-Kirche hatten die Siedler selbst gebaut, und die Sieben-Uhr-Messe war eine stille Messe. Als der Gast an der Orgel das Kirchenlied Bože, před Tvou velebností (Gott, vor deiner Majestät) anstimmte und seine Familie zu singen begann, blickten die alten Frauen in den Bänken zur Empore hinauf, um zu sehen, was dort vorging. Orgelspiel und Gesang waren sie bei einer stillen Messe nicht gewohnt, schrieb Kovařík. Von da an saß Dvořák jeden Morgen an der Orgel, außer an den Tagen, an denen er in Chicago, Omaha oder St. Paul unterwegs war. Die alten Frauen gewöhnten sich daran und begannen mitzusingen, bis schließlich nach der Messe die eine oder andere Großmutter oder ein Großvater den Mut fasste, ihn anzusprechen: Herr Dvořák, heute sei schön gesungen worden. Und was werde er ihnen morgen spielen?


New York hatten sie am Samstag, dem 3. Juni, drei Tage nach der Ankunft der Kinder, verlassen. Kovařík nannte die Reisegesellschaft eine Karawane: Dvořák und Anna; Mrs. Koutecká, die die vier anderen Kinder über den Atlantik gebracht hatte; alle sechs Kinder; ein Dienstmädchen, das Mrs. Koutecká aus Böhmen mitgebracht hatte; und Kovařík selbst. Die Bahn führte über Philadelphia und Harrisburg, über die Alleghenies nach Pittsburgh und weiter nach Chicago, und während der ganzen Fahrt, schrieb Kovařík, habe er erklären müssen, durch welches Land sie gerade fuhren.

Der Zug war pünktlich. Am Sonntag um elf Uhr vormittags kamen sie in Chicago an, wo Kovaříks Bruder sie erwartete. Zehn Stunden hatten sie dort, fuhren am Nachmittag durch die Stadt und reisten um neun Uhr abends weiter. Am Montagmorgen um acht hielt der Zug eine Stunde in McGregor, Iowa, lang genug zum Frühstück und für einen Blick auf die Strömung des Mississippi. Zwei Stunden später erreichten sie Calmar. Weiter fuhr die Bahn nicht. Nach Spillville, wie Kovařík es ausdrückte, gebe es keine Eisenbahn.

In Calmar wartete der Schulmeister gemeinsam mit dem Pfarrer, Pater Tomáš Bílý. Für die letzten acht Kilometer stieg die Familie in eine Kutsche. Kovařík hatte seinen Vater vorher gefragt, ob irgendwo ein kleines Haus zu mieten sei. Es gab keines. Der Vater hatte stattdessen von einem Deutschen namens Schmidt acht Zimmer gemietet und sie einrichten lassen. Als die Dvořáks ankamen, erinnerte sich Kovařík, war alles bereit – bis auf ein Klavier.


Spillville war ein Dorf tschechischer Bauern. Dvořák beschrieb es im September in einem Brief an einen Freund in Mähren. Benannt worden sei es nach seinem Gründer, einem Mann, den er „Spielmann“ nannte und an dessen Grab er jeden Morgen auf dem Weg zur Kirche vorbeikam. Die Siedler waren etwa vierzig Jahre zuvor gekommen, überwiegend aus den Gegenden um Písek, Tábor und Budweis, damals so arm, wie Menschen nur sein konnten; nach schweren Jahren waren sie nun wohlhabend. Der Schulmeister lebte seit sechsundzwanzig Jahren dort.

Menschen gab es wenige und sehr viel leeren Raum. Der nächste Nachbar eines Farmers konnte gut sechs Kilometer entfernt wohnen. Draußen in der offenen Prärie, die Dvořák die Sahara nannte, sah man nichts als Felder und Gras und kaum jemanden auf den Straßen, weil alle ritten. Die Rinderherden blieben Sommer und Winter auf der Weide, und zum Melken gingen die Männer hinaus zu den Kühen.

Kovařík beschrieb seinen Tagesablauf so: Dvořák stand gegen vier Uhr auf, ging zum Bach oder zum Fluss spazieren und kehrte um fünf zurück. Dann arbeitete er. Um sieben saß er an der Orgel. Nach der Messe unterhielt er sich ein wenig, ging nach Hause und arbeitete wieder; danach machte er einen Spaziergang, gewöhnlich allein, und häufig wusste niemand, wohin er gegangen war. Die meisten Nachmittage verbrachte er mit den älteren Siedlern und ließ sich von ihnen erzählen, wie ihre ersten Jahre in Amerika gewesen waren: wie die Männer gut sechzig Kilometer weit zu den Arbeitsstellen beim Eisenbahnbau gegangen waren, während ihre Frauen und Kinder die Höfe bewirtschafteten.

In Spillville, schrieb Kovařík, habe der Meister so gut wie nie über Musik gesprochen. Er glaube, gerade das sei einer der Gründe gewesen, weshalb es Dvořák dort so gut gefiel und weshalb er sich dort so glücklich fühlte.


Am 8. Juni, drei Tage nach der Kutschfahrt von Calmar, begann er ein Streichquartett. Am 23. war es fertig. Am 26. begann er ein Streichquintett mit zwei Bratschen, das er am 1. August vollendete.

Das erste dieser Werke ist das Streichquartett in F-Dur, das als das Amerikanische bekannt wurde. Es beginnt damit, dass die beiden Violinen auf einem einzigen Akkord schimmern, während das Violoncello darunter einen tiefen Ton hält; dann setzt die Bratsche allein mit der aufsteigenden Melodie ein. Die Bratsche war jenes Instrument, das Dvořák neun Jahre lang im Orchester des Prager Interimstheaters gespielt hatte. Im langsamen Satz trägt die erste Violine eine lange Melodie, die später vom Violoncello wieder aufgenommen wird. Im schnellen dritten Satz erscheint schon bald hoch in der ersten Violine eine leise Melodie.

Am 28. Juli schrieb er an Simrock. Er verbringe seine viermonatigen Ferien hier in Spillville, einem ganz tschechischen Ort im Staat Iowa, dreizehnhundert Meilen (rund 2100 Kilometer) von New York entfernt. Zugleich erklärte er, weshalb er mit Veröffentlichungen keine Eile habe: Mit seinem Gehalt sei er einigermaßen unabhängig und könne seine freie Zeit deshalb dem Komponieren widmen; damit sei er zufrieden. Er erinnerte Simrock an ihren Briefwechsel zwei Jahre zuvor, zählte die neuen Werke auf, die der Verleger haben könne, darunter das Quartett, nannte für die meisten seine Preise und betonte, er verlange nicht mehr, als Simrock ihm sonst auch gezahlt habe. Da ein Brief sechzehn Tage brauche, fügte er hinzu, würde sich die Sache bei einem langen Briefwechsel endlos hinziehen.

Simrock erklärte sich bereit, alles zu nehmen.

Drei Wochen später schrieb Dvořák an einen Freund in Písek, nun habe Simrock endlich klein beigegeben und wolle sämtliche Werke haben. Er habe gewusst, dass Simrock zuerst zu ihm kommen müsse und nicht umgekehrt. Mit seinem Warten habe er ihn also doch noch bestraft.


Derselbe Brief beschrieb Chicago. Der 12. August war auf der Weltausstellung zum Czech Day erklärt worden. Dvořák schätzte, dass etwa dreißigtausend Tschechen an einem Festzug teilnahmen; dazu kamen eine Turnvorführung des Sokol und ein Konzert in der Festival Hall mit einem Orchester von hundertvierzehn Musikern, bei dem er eigene Werke dirigierte. Die Ausstellung sei zu groß, um sie beschreiben zu können, schrieb er. Zugleich berichtete er, sie werde sehr viel Geld verlieren, und die Geschäfte in Chicago gingen äußerst schlecht. Es war das Jahr der Finanzpanik von 1893, und als deren Folge geriet Mrs. Thurber nach Darstellung des Dvořák-Forschers David Beveridge mit der Zahlung seines Gehalts in Rückstand.

Anfang September reiste die Familie noch weiter nach Westen: drei Tage nach Omaha, wo Tschechen ihnen abends ein Ständchen brachten und bei ihrer Abreise eine amerikanische Kapelle spielte, und anschließend weitere gut sechshundert Kilometer bis St. Paul und zu den Minnehaha Falls.

Den Brief nach Mähren schrieb Dvořák am 15. September, einen Tag vor der Abreise. Die drei Monate in Spillville, schrieb er, würden ihnen für den Rest ihres Lebens als glückliche Erinnerung bleiben. Sie seien dort sehr glücklich gewesen, obwohl ihnen die drei Monate Hitze ziemlich zugesetzt hätten; dass sie unter ihren eigenen Landsleuten gelebt hatten, habe sie dafür entschädigt. Die alten Leute hätten sich gefreut, wenn er ihnen in der Kirche Bože, před Tvou velebností und Tisíckrát pozdravujeme Tebe gespielt habe. Mit Pater Bílý sei er sehr gut befreundet geworden. Häufig seien sie hinausgefahren, um tschechische Farmer zu besuchen, die gut siebzig Kilometer entfernt lebten.

Er beschönigte nichts. Es sei dort sehr wild, schrieb er, und manchmal sehr traurig – traurig bis zur Verzweiflung. Aber Gewohnheit sei alles.

Zu Hause berichteten die Zeitungen, er wolle für immer in Amerika bleiben. Niemals, sagte Dvořák. Böhmen werde er wiedersehen, ob sein Vertrag nun verlängert werde oder nicht. Er müsse Böhmen sehen, ganz gleich, was geschehe.

Und er fügte hinzu, ohne Amerika hätte er die neue Sinfonie, das Quartett und das Quintett nicht so geschrieben, wie er sie geschrieben hatte.

Am Samstag, dem 16. September, brachen sie auf, über Chicago, und am 19. machten sie an den Niagarafällen Halt. Als der Meister die Fälle sah, schrieb Kovařík, stand er ganze fünf Minuten schweigend da. Dann rief er aus, was für eine h-Moll-Sinfonie das werden würde.

Šourek vermerkte, dass aus den amerikanischen Jahren tatsächlich einige Seiten mit Skizzen für eine Sinfonie in dieser Tonart erhalten sind. Ob sie irgendetwas mit Niagara zu tun haben, weiß niemand.


Am 21. September unterrichtete Dvořák wieder in New York. Die meisten Nachmittage, erinnerte sich Kovařík, ging er in ein Café am Broadway, um Anton Seidl zu treffen, den Dirigenten der New York Philharmonic Society, der einige Jahre an Wagners Seite gearbeitet hatte und nun Wagner an der Metropolitan Opera dirigierte. Dvořák fragte ihn aus, wie Wagner gearbeitet hatte. Die beiden stritten darüber, häufig ziemlich heftig, und am nächsten Tag gab der eine oder der andere zu, er habe sich „zum Teil“ geirrt.

Damit war die Sache erledigt.

Im November ging es um die Verlängerung seines Vertrages um ein oder zwei Jahre, und Dvořák schrieb an Tragy, um ihn um Rat zu fragen. Seine familiären Verhältnisse verlangten von ihm, schrieb er, genügend Geld zurückzulegen, um für sein Alter vorzusorgen. Wenn sein Land ihn brauche, versprach er, werde er nach Hause kommen.

Etwa Mitte des Monats fragte Seidl im Café, ob er die neue Sinfonie für eines der Philharmonischen Konzerte haben könne. Dvořák dachte darüber nach und sagte beim Weggehen schließlich ja. Am folgenden Tag nannte Seidl ihm den Termin, ungefähr den 15. Dezember, und verlangte die Partitur sofort. An jenem Abend, bevor Kovařík sich mit ihr auf den Weg machte, schrieb Dvořák im letzten Augenblick einen Titel auf die erste Seite, auf Tschechisch: Z nového světaAus der Neuen Welt.

Die Sinfonie sollte zweimal gespielt werden, zuerst am Freitagnachmittag in einer öffentlichen Probe und am Samstagabend im eigentlichen Konzert. Am Freitag, dem 15. Dezember, erklang sie in der Carnegie Hall zum ersten Mal, gespielt von der Philharmonic Society unter Seidl.

Der New York Herald veröffentlichte an diesem Tag ein Interview mit Dvořák. Die Zeitung gab seine Aussage so wieder, dass er keine wirklichen Melodien der amerikanischen Ureinwohner verwendet habe, sondern eigene Themen, die in ihrem Geist geschrieben seien.

Am Samstag, dem 16., saß Dvořák mit seiner Familie in einer Loge und hörte die Sinfonie. Der Herald berichtete am folgenden Morgen, nach dem langsamen Satz sei Beifall ausgebrochen. Das Publikum habe gesehen, wohin Seidl blickte, Dvořák in seiner Loge entdeckt und seinen Namen gerufen. Er verbeugte sich und trat zurück, während die Sinfonie weiterging. Am Ende wurde er immer wieder gerufen; der Beifall dauerte selbst noch an, nachdem er die Loge verlassen und sich ins Foyer zurückgezogen hatte, bis er schließlich wieder auf der Galerie erschien. Auch Seidl und das gesamte Orchester applaudierten.

Vier Tage später schilderte er Simrock die Sache selbst. Er habe in einer Loge gesessen, der Saal sei mit dem besten New Yorker Publikum gefüllt gewesen. Und Simrock wisse ja, wie gern er solchen Ovationen aus dem Wege gehe; diesmal aber habe es kein Entrinnen gegeben, und er habe sich wohl oder übel zeigen müssen.


Am Neujahrstag 1894 spielte das Kneisel-Quartett, dessen Mitglieder zu den führenden Musikern des Boston Symphony Orchestra gehörten, in Boston das Amerikanische Quartett zum ersten Mal. Am 12. Januar brachten sie es gemeinsam mit dem Quintett und Dvořáks älterem Streichsextett in die Carnegie Hall, bei einem Abend, der ganz seiner Musik gewidmet war. Dvořák saß mit Anna im Publikum, schrieb er Göbl. Diese drei Werke könne er ohne Zögern zu seinen besten und eigenständigsten zählen. Dann gab er weiter, was eine Zeitung geschrieben hatte: Warum sei Dvořák nicht schon früher zu ihnen gekommen, wenn er hier in Amerika solche Musik schreiben könne?

Am 23. Januar dirigierte er ein vom Konservatorium veranstaltetes Konzert mit schwarzen amerikanischen Musikern.

Göbl hatte anderthalb Jahre lang nicht geschrieben. Als schließlich ein Brief von ihm kam, erzählte Dvořák, seien Otilie und ihre Mutter die Treppe hinuntergelaufen, um herauszufinden, was es sei und woher es komme. Zwei Tage bevor Dvořák antwortete, hatte Mrs. Koutecká auf sein dringendes Bitten hin ebenfalls an Göbl geschrieben und ihn gebeten, sich zu melden. Trotz seiner glänzenden Stellung und seines materiellen Wohlstands, schrieb sie, habe Dvořák furchtbares Heimweh nach seinem Land.


Am 28. März 1894 starb sein Vater František Dvořák in Velvary in Böhmen.

Am 20. April schrieb Dvořák an Simrock über die neuen Lieder, die Klaviersuite und die Violinsonatine, die er in diesem Winter vollendet hatte, und nannte ihm das Datum seiner Abreise. Den Brief beendete er mit der Vorfreude darauf, seine Heimat wiederzusehen. Leider werde er mit traurigem Herzen dorthin fahren, denn seinen alten Vater werde er nicht mehr sehen. Er sei erst vier Wochen zuvor gestorben.

Seit Anfang April waren die Plätze auf dem Schiff gebucht. Am 19. Mai fuhr die ganze Familie von New York nach Bremen ab. Am 30. traf sie in Prag ein, wo Dvořák am Bahnhof und in den Straßen feierlich empfangen wurde. Am 4. Juni fuhren sie weiter nach Vysoká.

Dort zog ihm zu Ehren ein Festzug durch den Ort, beleuchtet von Lampions.

„Dvořák in Spillville“, Zeichnung, 1893
„Dvořák in Spillville“, Zeichnung, 1893Künstler unbekannt · gemeinfrei
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