Fünftes Kapitel

Die Albert Hall


In der Royal Albert Hall trat Dvořák an einem Montag im März 1884, zwei Tage nachdem er zum ersten Mal englischen Boden betreten hatte, ans Dirigentenpult, um sein Stabat Mater mit einem Chor von achthundertvierzig Stimmen zu proben.

Dem Prager Musikverleger Velebín Urbánek beschrieb er die Szene. Am Montag habe die erste Chorprobe in der Albert Hall stattgefunden, einem ungeheuren Gebäude, in dem bequem zwölftausend Menschen Platz hätten. Als er ans Pult getreten sei, habe ihn ein solcher Beifallssturm empfangen, dass es geraume Zeit gedauert habe, bis wieder Ruhe eingekehrt sei. Die Herzlichkeit dieses Empfangs habe ihn so tief bewegt, dass er kein Wort habe hervorbringen können; im Übrigen, fügte er hinzu, hätte es ohnehin nichts genützt, weil ihn niemand verstanden hätte.

Der Chor gehörte Joseph Barnby, und Barnby hatte ihn so gründlich einstudiert, berichtete Dvořák, dass die Probe keinerlei Schwierigkeiten bereitete. Am folgenden Tag probte das Orchester, am Nachmittag kamen die Solisten hinzu. Urbánek schickte er die Zahlen gleich mit: zweihundertfünfzig Soprane, hundertsechzig Altstimmen, hundertachtzig Tenöre und zweihundertfünfzig Bässe; im Orchester darunter vierundzwanzig erste und zwanzig zweite Violinen sowie je sechzehn Bratschen, Violoncelli und Kontrabässe. Vor die Aufzählung setzte er eine Warnung: Urbánek solle bloß nicht erschrecken.

Am Samstag, dem 8. März, war er um sechs Uhr abends in London angekommen. Die Reise war nur in Köln und Brüssel unterbrochen worden, die See bei der Überfahrt ruhig. Der Prager Pianist, der ihn begleitete, schrieb nach Hause, schon am folgenden Tag habe der Name Dvořák in fast allen Zeitungen gestanden; manche Druckereien hätten sich sogar eigens die Lettern mit den tschechischen Akzenten gießen lassen.

Am Dienstag vor dem Konzert gab Henry Littleton, der Besitzer des Londoner Musikverlags Novello, zu Dvořáks Ehren ein Essen für etwa hundertfünfzig Gäste, darunter die führenden Künstler und Kritiker. Der ganze Abend war seiner Musik gewidmet. Man blieb bis halb drei Uhr morgens. Sein Gastgeber, berichtete Dvořák Urbánek, sei märchenhaft reich, wohne in einem Haus wie ein Fürst und wünsche sich von ihm ein neues Oratorium für das Musikfest in Leeds.

Das Konzert fand am Donnerstag, dem 13. März, statt. Dvořák zog daraus einen Schluss, in dem er zweimal den Namen Gottes gebrauchte: In England habe für ihn nun eine glücklichere Zeit begonnen, und wenn die Engländer einen Menschen einmal liebgewonnen hätten, blieben sie ihm treu.

Anderen Freunden schickte er andere Zahlen. Für Bendl war die Albert Hall der Ort, an dem zehntausend Menschen dem Stabat Mater zugehört hatten, mit eintausendfünfzig Sängern und Instrumentalisten. In einem Brief an Simrock vom 1. April war der Chor auf tausend und das Orchester auf hundertsechzig angewachsen.

London, erklärte er Bendl, lasse sich nicht beschreiben, und wer es nicht gesehen habe, werde es nicht glauben. Trotzdem versuchte er es, mit Entfernungen, die Bendl sich vorstellen konnte. Sein Reisegefährte wohnte rund vierzehn Kilometer entfernt, also ungefähr so weit wie Kralupy von Prag. Bendl solle sich dieses ganze ungeheure Gebiet als eine einzige Masse von Häusern und Straßen vorstellen, durchzogen von einem Netz von Eisenbahnen; dann habe er wenigstens eine schwache Vorstellung davon, wie London aussehe. Für die Albert Hall nahm er ein Gebäude, das Bendl kannte, das hölzerne Sommertheater in der Prager Neustadt, und bat ihn, es sich fünfmal so groß vorzustellen. Wenn die Engländer Händels Messias sangen und zum Halleluja kamen, fügte er hinzu, stehe das gesamte Publikum auf und schwenke Hüte und Taschentücher.


Am Freitag, dem 21. März, schrieb er aus seiner Unterkunft in der Hinde Street 12 beim Manchester Square an seinen Vater in Kladno. Er begann mit einer Rechnung. Selbst wenn man alle tschechischen Einwohner ganz Böhmens zusammennähme, schrieb er, seien es noch immer nicht so viele wie die Einwohner Londons. Und wenn die ganze Stadt Kladno in den Saal käme, in dem er dirigiert hatte, wäre dort noch Platz.

Am Vortag habe er sein zweites Konzert in der St James’s Hall gegeben und wiederum einen glänzenden Erfolg errungen; er könne seinem Vater gar nicht sagen, mit welcher Ehre und Achtung die Engländer ihm hier begegneten. Es war das Konzert der Philharmonic Society gewesen, bei dem Dvořák seine Hussiten-Ouvertüre und seine Sechste Sinfonie dirigiert hatte. Die Zeitungen, schrieb er, bezeichneten ihn als den Löwen der Londoner Saison; einige hätten erzählt, er stamme aus armen Verhältnissen, sein Vater sei Fleischer und Wirt in Nelahozeves gewesen und habe alles getan, was in seiner Macht gestanden habe, um seinem Sohn eine ordentliche Ausbildung zu ermöglichen.

„Ehre sei Ihnen dafür!“

Er unterschrieb als sein dankbarer Sohn und versprach, nach seiner Rückkehr nach Kladno zu kommen. Ende des Monats war er wieder in Prag, und eine Woche später dirigierte er für den Gesangverein Hlahol in Pilsen erneut das Stabat Mater.


Am 14. Juni 1884 wählte ihn die Philharmonic Society zum Ehrenmitglied, und noch im selben Monat bestellte sie bei ihm eine neue Sinfonie. Sechzig Jahre zuvor hatte dieselbe Gesellschaft Beethoven für eine Sinfonie fünfzig Pfund gezahlt; die Partitur der Neunten war mit einer Zeile in Beethovens Handschrift auf dem Titelblatt nach London gelangt, wonach sie für die Philharmonic Society geschrieben sei.

Im September überquerte Dvořák den Kanal erneut, diesmal zum Musikfest in Worcester, wo die Kathedrale den achthundertsten Jahrestag ihrer Gründung beging. Novotný reiste mit ihm. Henry Littleton, schrieb Novotný, holte sie in Dover ab und brachte sie in seine Villa in Sydenham; das Erste, was sie besichtigten, war der Crystal Palace.

Am Donnerstag, dem 11. September, wurde morgens das Stabat Mater in der Kathedrale gesungen, mit der Sopranistin Emma Albani unter den Solisten; am Abend dirigierte Dvořák in der Public Hall die Sechste Sinfonie. Nach Novotnýs Urteil gab es unter den modernen Werken der Kirchenmusik kein anderes, das sich mit dem Stabat Mater vergleichen ließe, und er gab dies zugleich als Urteil sämtlicher englischer Kritiker wieder. Unter den angeblich so kühlen Engländern, schrieb er außerdem, habe er ein Verständnis für Dvořáks Musik gefunden, das dem Komponisten in seiner Heimat im Allgemeinen nicht entgegengebracht worden sei.

Am nächsten Morgen schrieb Dvořák an Anna. Das Stabat Mater habe in der wunderbaren, sehr großen Kirche vor viertausend Menschen einen ungeheuren Eindruck gemacht; alle dort hätten gesagt, es sei der schönste Tag der gesamten Feierlichkeiten gewesen. Als sie aus der Kirche kamen, wollte jeder ihm die Hand drücken und einige Worte mit ihm wechseln, was bei so vielen Menschen unmöglich gewesen sei. Danach wurde er Lord Compton vorgestellt, dessen Frau ihn in einer prächtigen Zimmerflucht zahlreichen Damen präsentierte, ehe ungefähr dreihundert Menschen zum Frühstück gingen. Auf der Straße, vor seiner Unterkunft, selbst wenn er nur in ein Geschäft trat, um etwas zu kaufen, drängten sich die Menschen um ihn und baten um sein Autogramm; jeder Buchhändler verkaufte sein Bild. Nach der Sinfonie kam der Bürgermeister an der Spitze einer Abordnung, gemeinsam mit Lord Compton, um ihm für seine Teilnahme zu danken. Kurz gesagt: ein großer Sieg.


Mit den großen Sälen war auch das Geld größer geworden. Nach der Zusammenfassung des Nationalmuseums hatte Dvořák im Januar 1884, zwei Monate bevor er London zum ersten Mal sah, aus Prag an Alfred Littleton von Novello geschrieben, er werde das gewünschte Chorwerk bis Anfang 1885 komponieren, gegen ein Honorar von fünftausend Mark.

Mit der Sinfonie für die Philharmonic Society begann er am 13. Dezember 1884. Vor Weihnachten schrieb er an Antonín Rus, Richter in Mirovice und einen seiner engsten Freunde, wohin er auch gehe, habe er nichts anderes im Kopf als dieses neue Werk; es müsse wieder eines werden, das in der Welt Aufsehen errege, und Gott möge geben, dass es gelinge.

Am 9. Februar 1885 wurde ein weiterer Sohn geboren. Sie nannten ihn Otakar.

Dvořák vollendete die Partitur am 17. März 1885 und schrieb auf das Manuskript: „Composed for the Philharmonic Society in London.“

Die Uraufführung dirigierte er am 22. April in der St James’s Hall während seiner dritten Englandreise. Zwei Tage später schrieb er aus Sydenham an Rus, es sei glänzend, wirklich glänzend gegangen; die Engländer hätten ihn so herzlich aufgenommen wie immer, und die Sinfonie sei ein großer Erfolg gewesen und werde beim nächsten Mal noch größeren haben. Im selben Brief schrieb er dann, obwohl er hier alles habe, was er sich wünschen könne, wäre er doch lieber in Vysoká. Er wollte sehen, was Rus dort im Garten getan hatte, der noch einen Monat auf Weißdorn, Rosen und Veilchen warten musste, während sie in England bereits überall blühten.

Die Siebte Sinfonie beginnt leise und tief, mit ihrem ersten Thema in den unteren Streichern über einem lang gehaltenen Basston. Die Melodie bewegt sich zunächst in engem Raum, steigt nur wenige Schritte auf und fällt wieder zurück, bevor das Orchester aus dieser Begrenzung hervorbricht. Den langsamen Satz eröffnet eine Klarinette mit einer stillen, choralartigen Melodie der Holzbläser über gezupften Streichern.

Simrock wollte die Sinfonie, aber nicht zu Dvořáks Preis. Der Verleger wollte höchstens dreitausend Mark zahlen, verwies auf die hohen Kosten großer Orchesterwerke und deren geringe Verkaufszahlen und bat stattdessen um eine neue Reihe Slawischer Tänze. Dvořák antwortete aus Prag, eine andere Firma biete ihm mehr und Simrock habe mit der ersten Reihe der Tänze eine Goldgrube gefunden. Die Logik von Simrocks Brief führe dazu, nur noch Lieder, Klavierstücke und Tänze zu schreiben; als Künstler, der etwas aus sich machen wolle, könne er das nicht. Er verlangte sechstausend Mark und bat Simrock am Ende, daran zu denken, dass er ein armer Künstler und Familienvater sei, und ihm kein Unrecht zu tun. Simrock veröffentlichte die Sinfonie noch im selben Jahr.


Im August 1885 fuhr Dvořák zum vierten Mal nach England, um beim Musikfest in Birmingham Die Geisterbraut zu dirigieren. Vor seiner Abreise schrieb er Göbl, sein Kopf sei voller Sorgen wegen der Reise; käme aus England eine Verordnung, die jedem Tschechen das Dirigieren dort verbiete, würde er sich freuen.

Am Montag, dem 17. August, erreichte er London um sechs Uhr morgens, als die Stadt noch schlief und die Straßen leer waren. Noch am selben Abend war er in Birmingham und probte mit einem Chor von fünfhundert Sängern, die das Werk bis auf die letzte Sechzehntelnote auswendig konnten. Zwischen den Proben wohnte er im Haus der Novellos am Meer in Brighton, zwischen Menschenmengen, Booten, Badenden und einer Kapelle, die schottische Lieder spielte. Birmingham beschrieb er Göbl als ungeheure Industriestadt, in der man ausgezeichnete Messer, Scheren, Federn, Feilen und Gott weiß was sonst noch herstelle – und außerdem Musik. Sein eigener Abend war Donnerstag, der 27. August, um acht Uhr, innerhalb eines Musikfests von acht Konzerten, die jeweils vier oder fünf Stunden dauerten.

Diesmal, schrieb er, reise er allein, weil er habe sehen wollen, wie es gehen würde. Sein Urteil folgte gleich im nächsten Satz: Es sei schon gegangen, aber die Reise von achtundvierzig Stunden sei entsetzlich ermüdend.

In Kladno las sein Vater von einem Eisenbahnunglück vor London und wusste nicht, ob sein Sohn darin gesessen hatte, bis er aus einer Zeitung erfuhr, dass dies nicht der Fall gewesen war; danach, schrieb er Zubatý, sei es ihm gewesen, als wäre er neu geboren. Er fragte, ob seinem Sohn der ganze Ruhm noch immer in den Ohren klinge, wie die Zeitungen schrieben, und ob vielleicht ein Wort Zubatýs ihn dazu bewegen könne, sich einen Tag freizunehmen und seinen Vater zu besuchen.


Im Oktober 1886 überquerte Dvořák den Kanal zum fünften Mal, und diesmal kam Anna mit. Am 15. Oktober dirigierte er beim Musikfest in Leeds die Uraufführung des Oratoriums, um das Henry Littleton ihn gebeten hatte, Die heilige Ludmilla. Die Aufführung dauerte von halb zwölf vormittags bis drei Uhr nachmittags, mit einem Chor von dreihundertfünfzig Stimmen und einem Orchester von hundertzwanzig Musikern. Am Ende des ersten Teils, schrieb er Rus, hätten Publikum, Chor und Orchester so lange gejubelt, bis ihm ganz sonderbar zumute geworden sei. Nach Schluss des Werkes sprach er selbst zum Saal: Schließlich, berichtete er, habe er einige Worte auf Englisch an das Publikum gerichtet und sich für den Empfang bedankt.

Danach blieb er bis zum 6. November in London, bei Nebel und Regen, und schrieb Rus, er wäre gern längst fort gewesen, aber die Pflicht rufe.

In London ließen Anna und Antonín sich gemeinsam fotografieren.

Dvořák und seine Frau Anna in London, 1886
Dvořák und seine Frau Anna in London, 1886Fotograf unbekannt · gemeinfrei
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