Das dunkle Jahr
„Die Umstände meiner Gesundheit erlauben mir noch immer nicht, das Haus zu verlassen.” Das schrieb er am letzten Februartag 1823 an Ignaz von Mosel, einen Hofbeamten mit Einfluss bei den Theatern, in einem Brief, in dem es sonst um Geschäfte ging: um ein Wort der Empfehlung, auf das er hoffte, um eine Oper, die er unterbringen wollte. Der Satz steht mitten auf der Seite und wird nicht weiter ausgeführt. Er war sechsundzwanzig und seit einigen Wochen ans Haus gebunden.
Die Zimmer in der Spiegelgasse waren im Spätwinter dieselben wie zuvor. Das Klavier stand an seinem Platz, Schobers Möbel darum herum, die Stühle des Lesekreises vom letzten Abend noch an die Wand zurückgeschoben. Draußen war der Schnee in der Gasse an den Mauern zu grauem Matsch geworden, und über die Dächer fiel jenes dünne, waagrechte Licht eines Wiener Februars herein, das ein Zimmer betritt wie ein Besucher, der schon beschlossen hat, nicht lange zu bleiben. Auf dem Tisch lagen die Papiere des Herbstes, darunter die zwei Sätze der Symphonie; in der Schublade lag das Fertige. Vormittags arbeitete er wie immer, in Hemd und Hose, und nachmittags, wenn er sonst in ein Kaffeehaus oder zu Schwind gegangen wäre, blieb er, wo er war.
Stattdessen kam Schwind, die Treppe zwei Stufen auf einmal hinauf, mit den Neuigkeiten der Stadt, setzte sich ans Ende des Sofas und redete, bis es dunkel wurde. Josef Hüttenbrenner brachte Abschriften zum Durchsehen. An den Leseabenden kamen die anderen, das Klavier wurde gespielt, und wenn sie gegangen waren, waren die Zimmer wieder, wie sie gewesen waren.
Auch das Geld wurde in diesem Monat auf eine Weise geregelt, die damals vernünftig schien. Diabelli, der die ersten sieben Liedausgaben auf Kommission verkauft und gut daran verdient hatte, bot an, die Rechte ganz zu kaufen — die ersten sieben Opuszahlen und drei weitere dazu, darunter die Beethoven gewidmeten Variationen —, und Schubert nahm für alles zusammen ungefähr achthundert Gulden. Damals schien das sehr viel; Diabellis Firma sollte die Summe um ein Vielfaches wieder hereinholen. Es ist der eine finanzielle Fehler, den die Überlieferung ihm anrechnet, und er fiel in einen Monat, in dem man einem Mann, der in seinen Zimmern eingeschlossen war, verzeihen kann, dass er eine Summe haben wollte, die er auf dem Tisch abzählen konnte.
Der Frühling kam spät und nass. Im April beendete er eine einaktige komische Oper, Die Verschworenen — ein helles Stück über Frauen, die ihren von einem Kreuzzug heimgekehrten Männern den Umgang verweigern, bis diese dem Krieg abschwören. Dem Zensor gefiel das Wort „Verschworene” in keinerlei Zusammenhang; er schickte das Werk mit einem neuen Titel zurück: Der häusliche Krieg, ein schlechterer Titel und ein zutreffenderer. Am 8. Mai schrieb Schubert auf ein einzelnes Blatt ein Gedicht, ein Gebet in Versen, sein Leben liege im Staub, und legte es zu den anderen Papieren.
Dann nahm er noch im selben Monat einen zwei Jahre zuvor erschienenen Gedichtband des Dessauer Schulmeisters Wilhelm Müller zur Hand und begann, ihn zu vertonen. Die Gedichte erzählten eine Geschichte. Ein junger Müllergeselle zieht auf Wanderschaft; ein Bach begleitet ihn und führt ihn zu einer Mühle; der Müller hat eine Tochter; es gibt ein grünes Band, eine Laute an der Wand, einen Jäger in Grün, der aus den Bergen kommt; am Ende singt der Bach den jungen Mann in den Schlaf. Bis November sollten zwanzig der Gedichte Lieder sein. Die ersten entstanden im Mai in der Spiegelgasse, endlich bei offenem Fenster, bevor Schubert irgendeine Vorstellung davon hatte, wie weit dieser Weg führen würde.
In diesem Sommer war er einige Wochen Patient im großen Allgemeinen Krankenhaus an der Alser Straße — zweitausend Betten, das modernste Krankenhaus Europas und kein Ort, an dem irgendjemand sein wollte. Die Freunde sagten, einige der Müllerlieder seien dort entstanden. Es gab Schmerzen, die kamen und gingen. Sein Haar wurde geschoren; als er herauskam, trug er eine Perücke, bis es nachgewachsen war. Kupelwieser, der Ende Juli an Schober schrieb, brachte es in einer Zeile unter: „Gestern hörte ich bei Collin, daß Schubert krank sei.”
Was Schubert selbst dazu sagte, waren tausend Seiten Oper.
Am 25. Mai begann er Fierrabras, eine große heroische Oper in drei Akten nach einem Libretto von Josef Kupelwieser, dem Bruder des Malers: Karl der Große, ein maurischer Prinz, eine gefangene Prinzessin, eine Belagerung, ein Turm, sehr viel Marschieren. Der erste Akt war am letzten Maitag instrumentiert. Der zweite am 5. Juni. Das ist ein vollständiger Orchesterakt mit Chören in weniger als einer Woche, und dann noch einer in weniger als einer Woche, von einem Mann, der das Haus nicht verlassen konnte. Der dritte Akt dauerte länger, weil der Sommer dazwischenkam, doch die Partitur trägt als Schlussdatum den 2. Oktober: eine Ouvertüre und dreiundzwanzig Nummern, fast tausend Seiten in seiner kleinen, schnellen Hand, das größte einzelne Werk, das er je schrieb.
Bestimmt war es für das Kärntnertortheater, die Hofoper, und die Hofoper war 1823 an einen Italiener namens Barbaja verpachtet, der Rossini nach Wien gebracht und festgestellt hatte, dass Wien nichts anderes wollte. In seinem Haus war kein Platz für eine deutsche heroische Oper eines jungen Mannes, den man wegen seiner Lieder kannte, und es würde auch keinen geben; im Herbst scheinen das alle Beteiligten gewusst zu haben. Das Libretto hatte im August die Zensur passiert, und weiter kam die Sache nicht. Fierrabras wurde zu Schuberts Lebzeiten nie aufgeführt. Er band die Partitur zusammen und legte sie zu den anderen.
Weber kam in jenem Herbst für seine eigene neue Oper Euryanthe nach Wien, die am 25. Oktober im Kärntnertortheater herauskam und keinen guten Erfolg hatte. Es wird erzählt, Schubert sei nach seiner Meinung gefragt worden, habe sie gesagt, und Weber habe geantwortet, die ersten Hunde und die ersten Opern würden immer ersäuft. Falls es geschah, waren beide Männer müde und hatten beide Grund dazu; die Tatsache, auf die es ankommt, ist, dass Weber in Dresden versuchte, Alfonso und Estrella auf eine Bühne zu bringen.
Zwischen dem zweiten und dem dritten Akt, Ende Juli, kam Schubert aus Wien heraus. Vogl nahm ihn mit.
Sie fuhren die Donau hinauf nach Linz, wo das Haus der Spauns offenstand und Josef selbst in der Stadt an seinem Schreibtisch saß und wo der dortige Musikverein, um Graz nicht nachzustehen, Schubert ebenfalls zum Ehrenmitglied machte; dann ging es weiter nach Steyr, Vogls Heimatstadt, wo unter den Bergen die beiden Flüsse zusammenkommen und wo Schubert vier Sommer zuvor glücklich gewesen war. Vogl wurde im August fünfundfünfzig, war seit zwei Jahren von der Bühne zurück, gichtkrank, großartig und nicht sehr geduldig; er hatte beschlossen, dass Schubert gesund werden sollte, und ging die Sache an wie eine Rolle: Er übernahm die Regie. Er achtete darauf, dass der Jüngere aß. Er achtete darauf, dass er ging, und wie weit. Abends las er Epiktet vor und erwartete, dass man zuhörte; wanderte die Aufmerksamkeit seines Patienten ab, sagte er es, als korrigiere er einen Tenor, der zu früh eingesetzt hatte.
Am 14. August schrieb Schubert aus Steyr an Schober. „Ich befinde mich ziemlich wohl. Ob ich je wieder ganz gesund werde, bezweifle ich fast.” Dann ging er im selben Absatz zu anderen Dingen über, wie er es immer tat.
Es war in diesem Jahr ein schöner, trockener August im Ennstal. Abends saß man bei Paumgartner am Stadtplatz, das Violoncello wurde herausgeholt und die Freunde des alten Mannes saßen um den Tisch wie im Jahr des Quintetts; dazu kamen die Müllerlieder, die Vogl inzwischen hatte und mit jener großen Stimme sang, die ihre besten Jahre hinter sich hatte und für diese Musik nicht in ihren besten Jahren sein musste.
Man stelle sich die beiden am Ufer unterhalb der Stadt vor, dort, wo die Steyr grün und schnell über die Steine hereinläuft: den großen alten Sänger mit seinem Stock und den kleinen jungen Mann mit einer Perücke, an die er sich noch nicht gewöhnt hatte, wenig sagend; neben ihnen floss das Wasser vorbei und weiter zur Donau, mit jenem Geräusch, das im zweiten Lied des Zyklus steckt und das Schubert geschrieben hatte, bevor er je hier gewesen war. Vogl, der zu allem eine Meinung hatte, hatte auch zu den Liedern Meinungen und teilte sie mit; Schubert, der keine Meinung äußerte, die ihm wichtig genug gewesen wäre, änderte nichts.
Sie gingen den Hügel wieder hinauf zum Abendessen. Mitte September waren die beiden auf dem Heimweg, und ein dritter Akt wartete.
Im November war der Zyklus fertig. Als er gedruckt wurde, widmete Schubert ihn Karl von Schönstein, dem Bariton aus Zseliz, der durch das Haus Esterházy zu den Liedern gekommen war und sie nach Leopold Sonnleithners Urteil besser sang als irgendjemand sonst. Der Zyklus heißt Die schöne Müllerin und ist der erste Liederzyklus seiner Art: zwanzig Lieder, die vom ersten bis zum letzten Takt eine einzige Geschichte tragen, geschrieben über das Jahr hinweg, von dem dieses Kapitel erzählt.
Das ist, was man hört. Das Wandern ist die eigene Melodie des Gesellen, ein Wanderlied, das jeder Lehrbursche pfeifen könnte; darunter dreht sich im Klavier das Mühlrad, vom Wasser getrieben, rund und rund, ohne Pause, vom ersten Ton bis zum letzten. Wohin? ist der Bach selbst: eine laufende Figur in der rechten Hand, die nie aufhört, während der junge Mann das Wasser fragt, wohin es ihn führe, und keine andere Antwort erhält als dieses Laufen. Ungeduld ist das Lied, dessen Ende jeder kennt: „Dein ist mein Herz”, am Ende jeder Strophe hinausgeschleudert, viermal, mit voller Stimme, über einem Klavier, das nicht stillhalten kann.
Es gibt ein Lied über das grüne Band, das an der Wand verblasst, und eines, in dem der Jäger in seinem grünen Rock aus den Bergen kommt und alles die Farbe wechselt. Dann Trockne Blumen, in dem das Klavier fast nichts tut, ein langsames Schreiten von Akkorden unter einer Stimme, der nichts mehr zu hoffen geblieben ist, bis sie sich ganz am Ende ein einziges Mal ins Dur hebt, für einen Frühling, den der junge Mann nicht sehen wird.
Und dann singt der Bach. Des Baches Wiegenlied ist das letzte Lied und das längste. Das Klavier wiegt sich langsam auf zwei Akkorden tief im Instrument und bleibt bei ihnen. Der Bach sagt dem jungen Mann: „Gute Ruh, gute Ruh! Tu die Augen zu!” Er sagt ihm, das Wandern sei vorbei, und das Wasser werde sein Bett machen. Er sagt dem Mädchen, sie solle vom Mühlensteg fortbleiben. Dem Jagdhorn sagt er, er werde es überrauschen. Den blauen Blümlein sagt er, sie sollten nicht hereinschauen. Strophe um Strophe wiegt er weiter, und die Melodie ändert sich nicht; am Ende sagt er gute Nacht, der Mond steige, der Nebel weiche, und der Himmel darüber sei so weit. Das Klavier geht noch ein kleines Stück allein weiter und hält an.
Die Freunde gingen fort. Schober war nach Breslau gezogen, um sich als Schauspieler zu versuchen. Spaun saß an seinem Schreibtisch in Linz. Im November brach Kupelwieser, der ihn in Atzenbrugg im Wagen gezeichnet hatte, nach Rom auf, um zu studieren, wie Maler es taten, und sollte jahrelang fortbleiben. Der Lesekreis traf sich ohne sie weiter, und Schubert schrieb Schober am 30. November, was daraus geworden war: Die falschen Leute seien hineingeraten — „Bierhäusler und Wurstesser” nannte er sie —, und er wisse nicht, wie lange er noch hingehen werde. In diesem Monat verließ er die Spiegelgasse. Der Brief ist nicht traurig. Er ist ungehalten, und das ist etwas anderes.
Dann, im Dezember, wollte das Theater ihn doch — das andere Theater. Das Theater an der Wien, das große Vorstadthaus jenseits des Wienflusses, das Schikaneder als Ersatz für jenes ältere Theater errichtet hatte, in dem Die Zauberflöte uraufgeführt worden war, und wo man alles spielte, wenn nur ein mechanischer Drache darin vorkam, hatte ein Stück von Helmina von Chézy angenommen, die das Libretto zu Euryanthe geschrieben hatte, und brauchte Musik dazu: eine Ouvertüre, Zwischenaktmusiken, eine Romanze für eine Sängerin, Chöre für Hirten, Jäger und Geister, zwei Ballette. Das Stück hieß Rosamunde, Fürstin von Zypern. Schubert schrieb die Musik in fünf Tagen. Für die Ouvertüre nahm er eine, die schon vorhanden war. Es gab eine einzige Probe, zwei Stunden mit dem Orchester, was für eine Ouvertüre, drei Zwischenaktmusiken, zwei Ballette, drei Chöre und eine Romanze nicht lange ist; dann, am 20. Dezember 1823, ging der Vorhang auf.
Das Stück war schlecht. Niemand, der es sah, scheint darüber anderer Meinung gewesen zu sein: eine von Hirten aufgezogene Prinzessin, ein böser Statthalter, ein vergifteter Brief, sehr viel Rede, vorgetragen von einem Ensemble, das ungefähr so lange Zeit gehabt hatte, sie zu lernen, wie das Orchester die Musik. Aber die Ouvertüre musste zweimal gespielt werden, ehe das Stück überhaupt beginnen konnte, und der Komponist wurde auf die Bühne gerufen, blinzelnd im Rampenlicht; was er zwischen den Akten geschrieben hatte, hörte dieses Haus mit einer Aufmerksamkeit, die dem Schauspiel nie zuteilwurde.
Die Zwischenaktmusik nach dem dritten Akt beginnt mit den Streichern allein, mit einer Melodie von solcher Schlichtheit, dass man beim ersten Hören vielleicht nicht glaubt, sie wolle irgendwohin — eine Melodie, die geht, sich wendet und zurückgeht —, und sie muss auch nirgendwohin; sie muss nur zweimal gespielt werden, und beim zweiten Mal ist das Haus still. Die Hirtenmusik ist für Klarinetten, Fagotte und Hörner, ganz ohne Streicher, und klingt wie eine Dorfkapelle, die man über ein Tal hinweg hört, ausnahmsweise einmal rein und ohne Eile. Zwischen den Stücken ging das Schauspiel weiter, und das Publikum wartete darauf, dass es wieder aufhörte. Die Romanze sang eine Altistin allein, mit dem Vollmond im Text und sehr wenig in der Begleitung.
Nichts davon rettete das Stück. Am folgenden Abend wurde es noch einmal gegeben und dann abgesetzt. Die für zwei Aufführungen ausgeschriebenen Orchesterstimmen wurden eingesammelt, zu einem Bündel verschnürt und weggelegt, wo sie vierundvierzig Jahre bleiben sollten.
Am Heiligen Abend setzte sich Moritz von Schwind hin, um Schober in Breslau zu schreiben, und berichtete über alle. Er war neunzehn, und seine Briefe liefen in dem Tempo, in dem er sprach, also schneller, als die meisten Menschen zuhören konnten. Schubert, schrieb er, „wird bald wieder mit eigenen Haaren herumgehen”.
