Epilog

Was die Schublade barg


Anna Fröhlich besorgte den Saal. Sie unterrichtete Gesang am Konservatorium, war die älteste der vier Schwestern, deren Wohnung in der Spiegelgasse seit Jahren ein Salon gewesen war, und sie war eine praktische Frau: Ein Grabstein kostet Geld, und der Nachlass hatte dreiundsechzig Gulden ergeben. Also gab es am 30. Jänner 1829, zehn Wochen nach der Beerdigung, in den Räumen des Musikvereins ein Konzert; Vogl sang, das Trio aus Schuberts eigenem Konzert wurde gespielt, und die Einnahmen waren für den Stein bestimmt. Schober zeichnete den Entwurf. Grillparzer, kein Mann für Komplimente, schrieb die Worte, die man hineinschnitt: Die Tonkunst begrub hier einen reichen Besitz, aber noch viel schönere Hoffnungen.

Als Schumann zehn Jahre später davorstand, fand er die zweite Hälfte kleinlich, und man versteht, was er meinte.

Unterdessen begann die Musik die Schublade zu verlassen, in der Reihenfolge, die den Verlegern praktisch erschien, und in keiner anderen. Haslinger hatte am 30. Dezember die zweite Hälfte der Winterreise herausgebracht, nach den im Bett korrigierten Fahnen. Im Mai druckte er die Rellstab- und Heine-Lieder, mit der Taubenpost am Ende, unter seinem eigenen Titel Schwanengesang — einem Titel, den Schubert ihnen nie gegeben hatte und der dennoch blieb. Im selben Jahr wurde das Forellenquintett gestochen. Und im Oktober trat Ferdinand in der Dreifaltigkeitskirche an der Alser Straße vor den Chor und dirigierte zum ersten Mal die Messe, die sein Bruder im Sommer vor seinem Tod für diese Kirche geschrieben hatte.


Den Rest behielt Ferdinand. Er lag in der Wohnung in der Neuen Wieden, in der sein Bruder gestorben war, in Stapeln: Lieder, Sonaten, Messen, Quartette, die Symphonien in ihren Umschlägen, tausend Seiten einer Oper, die niemand aufgeführt hatte. Ferdinand hatte Frau und Kinder und das Gehalt eines Schulmeisters; er verkaufte Diabelli nach und nach einzelne Stücke, und Diabelli brachte das Erworbene in Lieferungen heraus, fünfzig davon in zwanzig Jahren, wie einen Fortsetzungsroman in der Zeitung. Die großen Sachen wollte er nicht. Niemand wollte eine einstündige Symphonie von einem Komponisten, den man für seine Lieder kannte.

Am Neujahrstag 1839 stieg ein achtundzwanzigjähriger junger Mann die Treppe hinauf. Robert Schumann verbrachte den Winter in Wien; er war bereits nach Währing hinausgegangen, hatte an den beiden Gräbern gestanden und an Beethovens Grab eine Stahlfeder aufgehoben, die dort jemand verloren hatte, und behalten.

Ferdinand ließ ihn in das Zimmer mit den Stapeln. Beim Anblick der vor ihm liegenden Massen von Musik, schrieb Schumann, sei er vor Freude beinahe ins Zittern geraten; er habe nicht gewusst, wo er anfangen und wo er aufhören solle.

Er begann mit der Symphonie in C-Dur, jener, die in Gmunden begonnen und in Wien als zu lang beiseitegelegt worden war, und hörte nicht auf, bis sie auf dem Weg nach Leipzig war.

Am 21. März dirigierte Mendelssohn sie im Gewandhaus, mit Kürzungen, und im folgenden Jahr schrieb Schumann jenen Aufsatz, der ihr die Wendung gab, die sie seither begleitet: ihre „himmlische Länge”, wie ein „dicker Roman in vier Bänden”.

In London lachten 1844 die Musiker der Philharmonic Society bei der Probe laut über die wiederholten Noten im letzten Satz, und Mendelssohn nahm die Symphonie vom Programm. Im selben Jahr wie die Leipziger Aufführung druckte Diabelli die drei letzten Sonaten und widmete sie Schumann, denn Hummel, dem Schubert sie hatte widmen wollen, war seit zwei Jahren tot.


Die Symphonie in h-Moll brauchte länger, denn sie lag in Graz. Anselm Hüttenbrenner hatte sie — zwei vollständige Sätze und zwei Seiten eines dritten, datiert Oktober 1822 — und besaß sie seit mehr als vierzig Jahren, zuletzt auf einem Gut in Ober-Andritz vor der Stadt, wohin er sich zum Altwerden zurückgezogen hatte. Im Mai 1865 fuhr Johann Herbeck, der in Wien die Konzerte der Gesellschaft dirigierte und gehört hatte, dort liege etwas, hinaus zu ihm. Anselm war siebzig. Herbeck bot ihm an, eine seiner eigenen Ouvertüren auf ein Wiener Programm zu setzen, und kehrte mit den beiden Sätzen in der Tasche in die Stadt zurück. Am 17. Dezember 1865 begannen Violoncelli und Bässe im großen Redoutensaal der Hofburg, beinahe unhörbar, dreiundvierzig Jahre nach dem Datum auf der ersten Seite.

Warum Anselm sie die ganze Zeit in der Schublade behielt, weiß niemand.


Im Oktober 1867 kamen zwei Engländer. George Grove war siebenundvierzig, von Ausbildung Ingenieur und Sekretär des Crystal Palace, und sammelte Material für ein Musiklexikon. Bei ihm war ein fünfundzwanzigjähriger Komponist namens Arthur Sullivan, der eines Tages The Mikado schreiben sollte. Sie waren wegen der Symphonien gekommen. Tagelang kopierten sie beim Verleger Spina, danach im Haus Dr. Eduard Schneiders, des Sohnes von Schuberts Schwester, bei dem lag, was die Familie noch besaß. Am letzten Abend durften sie ein letztes Mal suchen und fanden, wie Grove schrieb, „ganz unten im Schrank und in seiner hintersten Ecke einen zwei Fuß hohen Stoß von Musikheften, sorgfältig verschnürt und schwarz vom ungestörten Staub beinahe eines halben Jahrhunderts”. Es waren die Orchesterstimmen zu Rosamunde, nach dem zweiten Abend im Dezember 1823 zusammengebunden und seither nicht mehr geöffnet.

Sie kopierten, so Grove, bis zwei Uhr morgens und spielten anschließend Bockspringen.


Und der Rest kam, Tür für Tür. Das Quartett mit Der Tod und das Mädchen im langsamen Satz wurde 1831 gedruckt; jenes, dessen erster Satz das Konzert im Roten Igel eröffnet hatte, 1851. Das Grand Duo aus dem zweiten Zselizer Sommer erschien zehn Jahre nach Schuberts Tod. Das Quintett mit zwei Violoncelli, Probst in jenem Oktoberbrief angeboten und von ihm abgelehnt, wurde 1850, zweiundzwanzig Jahre nach seiner Entstehung, in Wien zum ersten Mal gespielt und drei Jahre später gedruckt. Dann kamen die frühen Symphonien in der Reihenfolge, in der Grove sie kopiert hatte, die große Messe von 1822, einige der Opern, die Kisten voller Tänze und die Lieder, die den Rest des Jahrhunderts über weiter auftauchten, bis es mehr als sechshundert waren und niemand mehr überrascht war.


1872 setzte man ihn in den Stadtpark: einen sitzenden Schubert aus Marmor von Kundmann, auf Betreiben des Männergesang-Vereins errichtet, einen Bleistift in der Hand und das Gesicht leicht nach oben gewandt. So hatte ihn niemand beschrieben, der mit ihm an einem Tisch gesessen hatte, obwohl Schwind dem Bildhauer über die Schulter gesehen und die Arbeit gebilligt hatte. Sechzehn Jahre später versammelte die Stadt ihre berühmten Toten in einer Ehrengräberreihe auf dem großen neuen Friedhof draußen hinter Simmering und ging nach Währing, um die beiden zu holen. Beethoven wurde im Juni umgebettet. Am 23. September 1888 trug man Schuberts Sarg vom Dorffriedhof durch die Stadt, an der Votivkirche vorbei und über den Schillerplatz, zweitausend Sänger gingen hinter ihm, und legte ihn in der Reihe neben Beethoven — diesmal nicht drei Gräber entfernt, sondern auf dem unmittelbar benachbarten Platz. Die alten Grabsteine blieben zwischen den Bäumen stehen, wo sie waren; der Friedhof ist heute ein kleiner Park, der seinen Namen trägt.

Die Freunde lebten ohne ihn weiter, manche von ihnen sehr lange.

Mayrhofer starb 1836. Vogl überlebte seinen Komponisten um zwölf Jahre und starb am 19. November 1840, am selben Tag desselben Monats. Ferdinand behielt die Stapel in der Wohnung in der Neuen Wieden, verkaufte sie zwanzig Jahre lang stückweise an Diabelli und starb 1859, bis zuletzt Schulmeister wie ihr Vater. Anselm Hüttenbrenner starb 1868, drei Jahre nachdem Wien endlich gehört hatte, was in seiner Schublade gelegen hatte.

Spaun verpasste es um drei Wochen. Er blieb genau der, der er gewesen war, schrieb seinen Bericht über Schubert zweimal, im Abstand einer Generation, und er ist das beste Zeugnis, das wir besitzen; am 25. November 1865 starb er im Haus seiner Tochter in Linz, zweiundzwanzig Tage bevor ein Wiener Orchester jene beiden Sätze spielte, von denen niemand gewusst hatte, dass sie da waren.

Schwind wurde ein großer Maler und starb 1871. Schober, der siebzehn und blendend gewesen war, als er in Linz zum ersten Mal jene Lieder an einem Klavier las, starb 1882. Und Bauernfeld, der die Dinge an dem Tag aufgeschrieben hatte, an dem sie geschahen, einfach weil das seine Gewohnheit war, überlebte sie alle und starb 1890, zweiundsechzig Jahre nach jenem Nachmittag in der Neuen Wieden.

Ein Datum bleibt noch. 1951 veröffentlichte der in London lebende österreichische Musikwissenschaftler Otto Erich Deutsch, der sein Leben damit verbracht hatte, jedes Dokument zusammenzutragen, auf dem Schuberts Name stand, ein Verzeichnis sämtlicher Werke in der Reihenfolge ihrer Entstehung und gab jedem eine Nummer; deshalb trägt seither jedes seiner Lieder und jede seiner Symphonien ein D.


Spaun hatte das Papier riesweise von seinem Taschengeld gekauft, für einen Jungen im grauen Rock, der eine Semmel und ein paar Äpfel wollte und keinen Ort hatte, an dem er aufschreiben konnte, was ihm durch den Kopf ging. Deutschs Nummern reichen bis neunhundertachtundneunzig.

Der Schreiber hatte alles mit zehn Gulden angesetzt.

Das Kundmann-Denkmal im Stadtpark
Das Kundmann-Denkmal im StadtparkFoto Yair Haklai · CC BY-SA 3.0

Ende