Der Bilderhandel
Was ein junger Lehrling bei Goupil & Cie in seinen ersten Wochen in der Niederlassung am Plaats in Den Haag in die Hände bekam, war vor allem Papier. Drucke, flach in Mappen aufbewahrt und übereinandergelegt wie die Blätter eines Kontobuchs; auf Karton gezogene Fotografien berühmter Gemälde; Kupferstiche, Lithografien und Fotogravüren jener Bilder, die im Pariser Salon Beifall gefunden hatten, dasselbe Bild in mehreren Größen; Rahmen und Bestellungen für Rahmen; und hin und wieder ein wirkliches Gemälde, das in einer Kiste ankam und, wenn es überhaupt wieder hinausging, für ein Haus bestimmt war, in dem Geld vorhanden war.
Das Geschäft hatte die Hausnummer 14, und geleitet wurde es von H. G. Tersteeg, der die Führung der Niederlassung in Den Haag übernommen hatte, nachdem Onkel Cent nach Paris gegangen war, und der nun der Vorgesetzte des neuen Lehrlings wurde. Der Junge wohnte bei einer Familie Roos am Lange Beestenmarkt 32. Es war Ende Juli 1869.
Es war eine Ausbildung, und zwar eine wirkliche, und man sollte sie auch als solche ernst nehmen. Ein Anfänger in einer Kunsthandlung lernt zuerst die Namen – welcher Maler, welches Bild, welche Platte, welche Größe –, dann lernt er, was jedes davon kostet, und wenn er etwas taugt, lernt er schließlich, welcher Kunde welches davon haben wollen wird, noch ehe der Kunde sich selbst ganz entschieden hat. Er lernt, wie ein Bild verpackt wird und was beim Transport zu Bruch geht. Er lernt, was sich verkauft und was nicht; das ist nicht dieselbe Liste wie die der guten Bilder, und sie ist nicht immer die kürzere. Nicht viele Maler haben das Geschäft von der Ladentheke aus kennengelernt, bevor sie es von der Staffelei aus kannten. Er lernte es beinahe sieben Jahre lang von dort aus kennen.
Und er war gut darin.
Schon im ersten Jahr begann er, für sich selbst zu sammeln – Fotografien, Fotogravüren und Drucke von der Art, die auch die Firma verkaufte, bezahlt aus seinem eigenen Lohn –, und wenige Jahre später konnte er einen Brief mit den Namen von mehr als sechzig Malern füllen, die er bewunderte, von Millet und Corot bis Gérôme und Meissonier, auf der Seite untereinander gesetzt wie die Posten einer Warenliste, um am Ende hinzuzufügen, er könne so noch fortfahren, er wisse selbst nicht wie lange. Als er 1873 versetzt wurde, schrieb Tersteeg seinen Eltern, so berichtet Jo van Gogh-Bonger in ihren Erinnerungen, dass in der Galerie jeder gern mit Vincent zu tun habe – Kunstliebhaber, Kunden und Maler gleichermaßen – und dass er in diesem Beruf gewiss Erfolg haben werde.
Im Januar 1873 bekam er eine Gehaltserhöhung, und Theo teilte er sie in Zahlen mit: „Mein neues Jahr hat gut angefangen; ich habe monatlich 10 Gulden mehr bekommen, sodass ich jetzt 50 Gulden im Monat verdiene, und außerdem habe ich noch eine Gratifikation von 50 Gulden erhalten. Ist das nicht herrlich?“ Die Hälfte der Gratifikation schickte er nach Hause, und sein Vater schrieb Theo, das Geld werde für neue Kleidung für Lies und Willemien, Wil genannt, verwendet.
Der Briefwechsel hatte vier Monate zuvor begonnen, und er begann mit einer kleinen Nachricht. Im September 1872 war Theo, fünfzehn Jahre alt und noch Schüler, für einige Tage bei seinem Bruder in Den Haag gewesen. Als er wieder in das Pfarrhaus in Helvoirt zurückgekehrt war – die Familie war 1871 von Zundert dorthin gezogen –, schrieb ihm sein Bruder am Sonntag, dem 29. September.
„Danke für Deinen Brief, es hat mich gefreut zu hören, dass Du gut wieder angekommen bist. Die ersten Tage habe ich Dich vermisst, und es war mir sonderbar, Dich nicht vorzufinden, wenn ich nachmittags nach Hause kam.“
Der Rest handelt vom Wetter, das entsetzlich war, von Trabrennen anlässlich einer Ausstellung, von Illuminationen und einem Feuerwerk, die wegen des Regens verschoben worden waren, und von Grüßen gemeinsamer Bekannter. Theo ging jeden Tag sechs Kilometer zur Schule in Oisterwijk und dieselbe Strecke wieder zurück, und sein Bruder meinte, bei einem solchen Wetter müssten ihm diese Wege wohl Sorgen machen.
Im Dezember kam die Nachricht, dass auch Theo zu Beginn des neuen Jahres in die Firma eintreten sollte, in der Brüsseler Niederlassung, vermittelt von demselben Onkel. Vincent schrieb sofort: „Ich freue mich so, dass wir beide jetzt im selben Fach und in derselben Firma sind; wir müssen einander oft schreiben.“ Das taten sie, und von da an besteht die Überlieferung seines Lebens zu einem großen Teil aus seinem eigenen Bericht, jeweils für einen einzigen Leser niedergeschrieben.
Was Theo in diesen Jahren zurückschrieb, ist verloren.
Im Mai 1873 wurde Vincent nach London versetzt. Am Zwölften verließ er Helvoirt, verbrachte unterwegs mehrere Tage in Paris, besuchte den Salon, den Louvre und das Luxembourg sowie die Pariser Niederlassung der Firma, die prächtig und viel größer war, als er sie sich vorgestellt hatte, und begann ungefähr eine Woche später bei Goupil in London, Southampton Street 17, unweit des Strand, unter einem Mann namens Charles Obach zu arbeiten.
Die Londoner Niederlassung war keine Galerie, und in seinem ersten Brief von dort sagte er Theo unumwunden, das Geschäft sei dort „nur ein Lager“. Dafür waren die Arbeitszeiten kürzer als in Den Haag – von neun bis sechs, samstags war um vier Schluss –, und die Abende gehörten ihm. Sein anfängliches Gehalt betrug neunzig Pfund im Jahr, etwas weniger als elfhundert Gulden. Das war weniger, als es klingt: Sein Vater berichtete Theo, Unterkunft mit Verpflegung und das Mittagessen verschlängen davon fast neunhundert.
Die heiteren Briefe stammen aus diesem ersten Londoner Jahr, und heiter sind sie gerade in ihren Einzelheiten. Achtzehn Schilling in der Woche bezahlte er für sein Zimmer, „die Wäsche nicht eingerechnet“, und essen musste er in der Stadt. An einem Sonntag wanderte er mit Herrn Obach nach Box Hill, am Pfingstfeiertag mit drei jungen Deutschen aus seiner Unterkunft, die Musik liebten, Klavier spielten und abends sangen; allerdings, schrieb er, gäben „diese Herren sehr viel Geld aus, und ich werde nicht mehr mit ihnen ausgehen“. Freunden in Den Haag schrieb er, seine Gegend sei „sehr hübsch und so ruhig und gemütlich, dass man beinahe vergisst, in London zu sein“; er habe sich die Reiter in Rotten Row angesehen und lese Keats, den Lieblingsdichter der dortigen Maler. Jo zufolge, der für ihre Erinnerungen die Briefe der Familie zur Verfügung standen, kaufte er sich sogar einen Zylinder, weil man seiner Meinung nach nicht in London sein konnte, ohne einen zu besitzen.
Ende August zog er um, um Geld zu sparen – hundertachtzig Gulden im Jahr, wie sein Vater schrieb –, in ein Haus südlich der Themse in Brixton, Hackford Road 87. Mitte September berichtete er Theo von der neuen Unterkunft.
„Ach, wie gern hätte ich Dich hier, alter Junge, damit Du meine neue Wohnung sehen könntest, von der Du wohl schon gehört haben wirst. Ich habe jetzt ein Zimmer, wie ich es mir schon lange gewünscht habe, ohne schräge Balken und ohne blaue Tapete mit grünem Rand. Es ist ein sehr unterhaltsamer Haushalt, in dem ich jetzt wohne; man unterhält hier eine Schule für kleine Jungen. Vor einiger Zeit habe ich mit zwei Engländern einen Samstag auf der Themse beim Rudern verbracht. Es war herrlich.“
Im selben Brief berichtete er über die englische Malerei der Saison. Er hatte ein Bild des Erzengels Michael gesehen, der Satan erschlägt; Satan war darin eine Art Fisch oder Drache von nicht weniger als sechs Ellen Länge, und ein kleiner Mann machte sich daran, ihn zu töten. Vincent fand das Bild grässlich. Ein anderes zeigte die Schweine von Gadara: „Darauf waren etwa fünfzig schwarze Schweine und Ferkel zu sehen, die Hals über Kopf den Hügel hinunterliefen und übereinander ins Meer stürzten. Es war sehr erbaulich.“ Dann fügte er, der Gerechtigkeit halber, hinzu, es sei sehr geschickt gemalt.
Er war zwanzig. Im November wurde Theo von Brüssel in die Niederlassung nach Den Haag versetzt und zog dort in die frühere Unterkunft seines Bruders bei der Familie Roos. In der ersten Januarwoche 1874 schickte Vincent ihm einen Neujahrsbrief, in dem jene lange Liste von Malern stand und außerdem ein wenig Rat. „Finde so viel Schönes, wie Du nur kannst; die meisten Menschen finden zu wenig schön.“ Und: „Geh nur immer viel spazieren und liebe die Natur, denn das ist der wahre Weg, die Kunst immer besser verstehen zu lernen.“ Und schließlich über sich selbst: „Mir geht es hier gut, ich habe ein herrliches Zuhause, und es macht mir große Freude, London und die englische Lebensart und die Engländer selbst zu beobachten; und außerdem habe ich die Natur und die Kunst und die Poesie, und wenn das nicht genug ist, was dann?“
Zehn Jahre später, im Herbst 1883, erzählte er Theo, er habe in London auf dem Heimweg von der Southampton Street abends oft am Themseufer gestanden und gezeichnet, „und es sah nach nichts aus“.
Das Haus in der Hackford Road gehörte einer Witwe namens Ursula Loyer, die dort zusammen mit ihrer Tochter Eugénie eine kleine Schule führte. In die Tochter verliebte sich Vincent. Als Jo 1914 ihre Erinnerungen veröffentlichte, gab sie der Tochter den Namen ihrer Mutter, und seither wird das Mädchen in sehr vielen Büchern Ursula genannt.
Und damit ist beinahe alles gesagt, was wir wissen. Nichts von dem, was zwischen Vincent und Eugénie Loyer geschah, wurde von einem der beiden in einem erhaltenen Schriftstück festgehalten, und die ausführlicheren Geschichten, die später darüber erzählt wurden – auch diejenige Jos –, enthalten Szenen, die in seinen eigenen Briefen nicht vorkommen.
Was die Überlieferung enthält, ist das, was die Familie wahrnahm. Ende Juni 1874 fuhr Vincent für vierzehn Tage nach Helvoirt und zeichnete dort – seiner Mutter fiel auf, dass er ziemlich viel zeichnete. Im Juli kehrte er gemeinsam mit seiner Schwester Anna nach London zurück. Sie suchte eine Stelle als Lehrerin und wohnte einige Wochen mit ihm bei den Loyers. Kurz nach dem 10. August verließen die Geschwister die Hackford Road und bezogen Zimmer in der Kennington Road. Am Fünfzehnten schrieb ihre Mutter an Theo.
„Vincent wird es bei den Loyers wohl auch nicht leicht gehabt haben – ich bin froh, dass er nicht mehr dort ist; dort gab es zu viele Heimlichkeiten und kein Familienleben wie bei gewöhnlichen Menschen. Aber gewiss wird er von ihnen enttäuscht worden sein, und seine Vorstellungen werden sich nicht erfüllt haben – das wirkliche Leben ist anders, als man es sich ausmalt.“
Das ist die Deutung einer Mutter aus der Ferne, über einen Haushalt, den sie aus den Briefen ihres Sohnes kannte.
Von jenem August an beschreiben ihn die Briefe der Familie anders: Er war dünn geworden, düster, hielt sich abseits, und sein Verhalten erschien ihnen sonderbar und unfreundlich. Und doch hatte er noch im Juli, noch in jenem Haus, Theo geschrieben, dass er bei abendlichen Spaziergängen mit Anna durch die Straßen alles ebenso schön finde wie bei seiner ersten Ankunft; Michelets L’amour sei für ihn eine Offenbarung gewesen; und dann, in einer eigenen Zeile: „Ich lerne schwimmen.“ In der Überlieferung liegen diese beiden Bilder nur wenige Wochen auseinander.
Im Oktober 1874 schickte die Firma ihn für zwei Monate nach Paris, in die Zentrale in der Rue Chaptal. Weihnachten verbrachte er in Helvoirt und kehrte im Januar nach London zurück. Dort hatte Goupil gerade das Geschäft eines Kunsthändlers, Holloway & Sons in der Bedford Street 25, übernommen und richtete nun endlich eine richtige Galerie ein. „Unsere Galerie ist jetzt fertig, und sie ist schön“, schrieb er Theo. Mitte Mai 1875 wurde er erneut nach Paris versetzt. Nach Hause schrieb er, die Herren hätten es für das Beste gehalten, einen Engländer namens Tripp für sechs oder acht Wochen seinen Platz in London einnehmen zu lassen. Die sechs oder acht Wochen nahmen kein Ende.
In Paris mietete er ein kleines Zimmer in Montmartre, von dem aus man, wie er Theo schrieb, auf „einen kleinen Garten voller Efeu und wildem Wein“ blickte. Für seinen Bruder zählte er die Drucke auf, die an seinen Wänden hingen: zwei Ruisdaels; einen Rembrandt mit einer jungen Mutter, die nachts neben einer Wiege in der Bibel liest, während eine alte Frau zuhört; das Porträt einer Dame von Philippe de Champaigne; drei Corots und noch weitere darunter.
In jenem Sommer hatte die Religion seine Briefe bereits ganz in Besitz genommen. Er schrieb Bibelstellen für Theo ab, ebenso englische Kirchenlieder, und berichtete von den Sonntagspredigten, die er gehört hatte. Im September schrieb er: „Ich werde alle meine Bücher von Michelet usw. usw. weggeben; tu Du das auch“, und einige Wochen später fragte er seinen Bruder, ob er es inzwischen getan habe. Es war weder Mode noch Pose. Es war der ernsthafte Versuch eines jungen Mannes, dessen Vater seine Arbeitswoche mit Predigten und an Krankenbetten verbrachte, eine Berufung zu finden; und Vincent gab diesem Versuch, was er allem gab: sämtliche Stunden, die ihm zur Verfügung standen.
Im Oktober beschrieb er seine Abende. Im selben Haus wohnte ein achtzehnjähriger Engländer namens Harry Gladwell, Angestellter der Firma und Sohn eines Londoner Kunsthändlers, der noch nie von zu Hause fort gewesen war. Als er ankam, aß er morgens, nachmittags und abends jeweils für vier bis sechs Sous Brot – „Brot, nota bene, ist hier billig“ –, dazu pfundweise Äpfel und Birnen, und blieb dennoch dünn wie eine Stange. Er hatte zwei kräftige Zahnreihen, große rote Lippen und ein Paar großer, gewöhnlich roter abstehender Ohren. Anfangs machte man sich ziemlich oft über ihn lustig, „selbst von mir“, gab Vincent zu; dann gewann er ihn lieb. „Jeden Abend gehen wir zusammen nach Hause, essen in meinem Zimmer irgendetwas, und den Rest des Abends lese ich laut vor, gewöhnlich aus der Bibel. Wir haben vor, sie ganz durchzulesen.“ Gladwell weckte ihn zwischen fünf und sechs, sie frühstückten im Zimmer und waren um acht in der Galerie.
„In der Galerie tue ich einfach, was meine Hand zu tun findet“, schrieb Vincent – eine Wendung aus dem Prediger Salomo. Was seine Hand bei Goupil zu tun fand, war, modische Bilder an Menschen zu verkaufen, die sie haben wollten, und inzwischen hielt er weder von den Bildern noch von diesem Habenwollen besonders viel. Im September hatte er den Kassierer der Firma gebeten, einen Teil seines Monatslohns zurückzubehalten, damit das Geld für die Heimfahrt zu Weihnachten vorhanden wäre; im Oktober zog die Familie erneut um, diesmal in eine neue Gemeinde nach Etten im Westen Brabants.
Zu Weihnachten fuhr er nach Hause.
Am 23. oder 24. Dezember traf er in Etten ein und blieb bis zum 3. Januar. Er hätte seine Arbeit am Jahresende nicht verlassen dürfen, schrieb sein Vater später, „als sich zeigte, dass man ihn brauchte“. Am letzten Dezembertag schrieb der Vater an Theo: „Er ist gewiss nicht glücklich. Ich glaube, es ist dort nicht der richtige Platz für ihn.“ Er führte ein vertrauliches Gespräch mit seinem Sohn und erwog, ihm zu raten, in zwei oder drei Monaten zu kündigen; Onkel Cor, der Kunsthändler in Amsterdam, wurde zu Rate gezogen und riet davon ab. Am 3. Januar nahm Vincent den Zug zurück nach Paris.
Am Vierten ging er zu Herrn Boussod, um ihm ein gutes neues Jahr zu wünschen. Léon Boussod war seit 1856 neben Adolphe Goupil und Onkel Cent Teilhaber der Firma.
Noch am selben Tag schrieb Vincent seinen Eltern und sechs Tage später Theo, und die beiden Darstellungen stimmen nicht überein. Gegenüber seinen Eltern – jedenfalls so, wie sein Vater die Sache später weitergab – war die Begegnung äußerst unangenehm geworden: Man hatte ihm die Heimfahrt gerade am Jahresende sehr übel genommen, und danach blieb ihm nichts anderes übrig, als zum 1. April zu kündigen. Theo erzählte er es am Zehnten anders. Mit „Seine Hochwohlgeboren“ ist in diesem Brief Herr Boussod gemeint.
„Als ich Herrn Boussod wiedersah, fragte ich, ob Seine Hochwohlgeboren es tatsächlich für gut hielte, dass ich auch dieses Jahr in der Firma weiterarbeitete, da Seine Hochwohlgeboren doch nie sehr ernsthafte Klagen über mich gehabt habe. Das Letztere war allerdings doch der Fall, und Seine Hochwohlgeboren nahm mir sozusagen die Worte aus dem Mund und sagte, ich würde am 1. April gehen und den Herren für alles danken, was ich in ihrer Firma vielleicht gelernt hätte. Wenn ein Apfel reif ist, braucht es nur einen leichten Windstoß, damit er vom Baum fällt; so ist es auch hier. Ich habe gewiss manches getan, was in irgendeiner Weise sehr falsch war, und habe daher wenig dazu zu sagen.“
Er bat Theo, Tersteeg den Brief lesen zu lassen und vorläufig mit niemand anderem darüber zu sprechen.
Im Brief seines Vaters an Theo heißt es dazu: „Wie viel hat er von sich gestoßen! Welch bitterer Kummer für Onkel Cent.“ Er hatte seinem Sohn geraten, Herrn Boussod offen zu sagen, dass ihm sein Fehler leid tue. Vincent ging noch einmal zu Boussod und wurde, wie sein Vater berichtete, „nicht ungünstig aufgenommen“. An der Kündigung änderte sich nichts.
So zog sich der Abschied hin. Den ganzen Januar, Februar und März musste er mit ausgesprochener Kündigung noch in der Galerie arbeiten und Bilder verkaufen, die er nicht mehr bewunderte. Er las George Eliot, zunächst Felix Holt, dann Scenes of Clerical Life, und schickte Felix Holt über Theo an die Familie in Etten weiter. „Ich lese die Anzeigen in den englischen Zeitungen“, schrieb er Theo im Januar, „und habe schon an einige geschrieben.“ Bis Ende März hatte er weitere beantwortet; die meisten seiner Briefe blieben ohne Antwort. Am Abend des Freitags, des 31. März 1876, verließ er Paris. Am nächsten Morgen war er in Etten.
Am Dienstag schrieb seine Mutter an Theo: „Vincent ist am Samstag wohlbehalten zu Hause angekommen; wir waren froh, dass er da war.“
Fast sieben Jahre lang hatte er im Bilderhandel gearbeitet, in drei Ländern, und einen anderen Beruf hatte er nicht.
Weiter mit Kapitel 3 · Lehrjahre eines Predigers →